Das Haus der Gefühle
Buchbesprechung von ZukunftsMacher Helmut Scheel
Es ist ein ungewöhnliches und sehr persönliches Buch: Bereits mit seinem Bestseller „Nachruf auf mich selbst“ hat er seinen Schreibstil personalisiert. Mit dem „Haus der Gefühle“ öffnet der Soziologe Harald Welzer jedoch eine Tür zu sich selbst. Er lässt die Lesenden an seinem Gefühlsleben teilhaben, ohne zu viel davon direkt zu beschreiben, und gewährt ihnen so einen persönlichen Einblick.
Aber Welzer wäre nicht Welzer, wenn er nicht über sich hinausginge. Zwar erlebt die Thematisierung von Gefühlen gerade eine Renaissance auf dem Buchmarkt, jedoch geht der Publizist seinen eigenen Weg: Er verwendet eine alltägliche, vertraute Sprache und auch Witz.
Wandel gelingt, wenn er emotional verankert ist
So beschreibt er eine politische Situation im Jahr 2025: „Es braucht nur einen proletenhaften Vizepräsidenten, der der versammelten sicherheitspolitischen Elite Europas auf der Münchner Sicherheitskonferenz zu deren grenzenloser Überraschung mitteilt, nun sei ein neuer Sheriff in der Stadt und es würden andere Saiten aufgezogen.“ Schon herrscht unter den Honoratioren eine Stimmung wie bei einem ‚Chicken Run‘. Panik und Konfusion.“ Anschließend geht er auf Eva Illouz ein, die die „Angst als die Oberbefehlshaberin der Gefühle“ bezeichnet hat.
Anhand aktueller Beispiele, etwa aus der Klimabewegung, zeigt Welzer, dass Gefühle nicht nur individuelle, sondern auch kollektive Handlungen prägen. In der Klimabewegung sind Wut und Hoffnung die treibenden Kräfte. Hier wird deutlich: Gesellschaftlicher Wandel gelingt nur, wenn er emotional verankert ist und nicht nur rational begründet wird.
Austausch und Resonanz
Allein durch die dichten Gegenüberstellungen von Situationen allgemeiner und persönlicher Art erhält das Buch eine Spannung, die die Lesenden dazu einlädt, ihre eigene Reise zu unternehmen. Es ist eine Reise, die über Vertrauen und Heimat zur Bindung führt. Es geht um Austausch und Resonanz. Damit kommt ein heimlicher Weggefährte Welzers auf der Buchreise ins Spiel: Hartmut Rosa. Es ist eigentlich auch kein Wunder, dass zwei Soziologen einen gemeinsamen Weg gehen. Gerade lebendige Beziehungen erzeugen eine positive Resonanz und damit gute Gefühle.
Harald Welzer nutzt dazu auch alltägliche Dinge wie sinnlosen Smalltalk. Er beschreibt eine kleine Episode beim Einchecken in ein Hotel mit einem Freund: „Er bekommt Zimmer 7, ich Zimmer 9. Obwohl dieses wenig glanzvolle Hotel keinen Wellnessbereich hat, frage ich den Mann an der Rezeption, ob ich das Zimmer mit der Sauna und dem Whirlpool haben könne. Daraufhin erklärte er mir, ich müsse nur den Duschvorhang zuziehen und das Wasser maximal heiß aufdrehen, dann hätte ich beides.“
Solche alltäglichen Dinge machen gewöhnliche Tage außergewöhnlich. Wir verlernen dies durch den Einsatz digitaler Medien. Zugfahrten sind häufig einsame Fahrten, weil es zu keinen Gesprächen mehr kommt, da fast alle ihre kleinen, sterilen Unterhalter dabei haben. Wir verlernen zunehmend, von Mensch zu Mensch, von Angesicht zu Angesicht, Kontakt aufzunehmen, miteinander zu reden und auch mal einen Spaß zu machen. Kein Wunder, dass Kneipen und Bars in einer solchen Gesellschaft mehr und mehr sterben. Kneipen sind wie Wohnzimmer, in denen man jedoch fremde Menschen kennenlernen kann, in denen jeder so sein darf, wie er ist, und in denen nicht nach den Gründen gefragt wird, warum man da ist. Daher zieht sich das „Kneipenbild“ wie ein roter Faden durch das Buch. Bereits auf den vorderen Seiten gibt es eine ausführliche Beschreibung einer Kneipenszene aus dem Jahr 1900.
Schlüssel zum Inneren der Gefühle
Mithilfe solcher Bilder und der theoretischen Aufarbeitung durch Philosophen, Historiker, Soziologen und andere Gelehrte gelingt es Harald Welzer, einen übertragbaren Exkurs durch „Das Haus der Gefühle“ zu gestalten. Die Offenheit seines persönlichsten Buches wird zu einem Schlüssel zum intimen Inneren der Lesenden. Ob dieser Schlüssel in das eigene Schloss passt und ob man die eigene Tür dann auch öffnet, kann letztlich jeder selbst entscheiden.
Wer sich von dem Autor Harald Welzer überraschen lassen möchte, für den ist dieses Buch genau richtig. Wer ein kurzweiliges Sachbuch sucht, für den ist es ebenfalls zu empfehlen. Wer bereit ist, sich zu öffnen, kann durch die Anregungen aus dem Werk verändert werden.
Foto: Fischer Verlag und Harald Welzer







