Holz lebt, und ich lebe mit ihm

Markus Huppertz ist Tischler mit einer Werkstatt in Krefeld. Mit seiner Leidenschaft für Holz realisiert er individuelle Projekte und bietet die gesamte Palette des Schreinerhandwerks an: Möbel- und Innenausbau, Fenster- und Türeneinbau, bis hin zu Reparaturen. Was macht seinen Beruf aus? Warum engagiert sich Markus Huppertz für gesellschaftliche Themen und warum sind ihm Unabhängigkeit und die Folgen des Klimawandels wichtig?

Elita Wiegand hat mit ihm darüber gesprochen. 

markus_huppertz Holz lebt, und ich lebe mit ihm

Handwerker leiden in Deutschland unter einem spürbaren Mangel an Wertschätzung und werden oft in eine Schublade gepresst. Sie sind Tischler geworden, weil Sie der Beruf fasziniert. Wann haben Sie gemerkt, dass das Handwerk Ihr Ding ist?

Markus Huppertz: Bei mir hat das alles als Kind angefangen. Wir lebten in einem Einfamilienhaus und es kamen regelmäßig Handwerker, zum Beispiel der Installateur, der Gärtner, der Parkettleger, der Dachdecker oder der Maler. Ich habe ihnen immer interessiert über die Schulter geschaut. Bald habe ich selbst angefangen zu sägen, zu kleben und zu löten. Diese Mischung aus Kopf und Hand hat mich nie mehr losgelassen. Nach dem Abitur war ich mir allerdings unsicher. Mich interessierten Biologie, Kunst und Architektur. Parallel dazu habe ich in Köln eine Initiativbewerbung an Möbel Pesch geschickt, wo man mir schließlich einen Ausbildungsplatz als Tischler anbot. Das war die Basis für alles, was ich heute mache.

Aus einem Stück Holz können Sie etwas Einzigartiges zu schaffen. Wie beschreiben Sie den Werkstoff, den Sie verarbeiten? 

Markus Huppertz: Holz ist etwas Besonderes: Es ist leicht zu bearbeiten und vielseitig formbar. Gleichzeitig verlangt Holz Respekt. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Jahrzehnte ein Baum wächst, bevor ich ein Brett daraus schneide, dann gehe ich sehr bewusst damit um. Ich versuche, wenig Verschnitt zu haben und Äste, Risse und Verfärbungen nicht zu verstecken, sondern sie gestalterisch einzubinden. Jedes Holz hat seine eigene Struktur, Festigkeit, seinen Glanz und seinen Duft. All das fließt in die Gestaltung und die Oberfläche ein.

Das klingt wie eine Liebeserklärung …

Markus Huppertz: Mein Beruf ist nicht nur Broterwerb. Ich identifiziere mich damit und habe den Anspruch, etwas Schönes zu schaffen, das Bestand hat. Für mich zählt, dass ich etwas erschaffe, das Menschen glücklich macht. Viele können sich vorher kaum vorstellen, wie viel Zeit, Erfahrung und Fingerspitzengefühl in einem Möbelstück stecken. Wenn sie es dann in den Händen halten und fragen: ‚Das hast du alles selbst gebaut?‘, dann entsteht ein echter Aha-Moment und der ist für mich Gold wert.

M.-Huppertz Holz lebt, und ich lebe mit ihm

Zu der Verarbeitung mit Holz gehören Gestaltung, Design und ein Portion Kreativität dazu. Wie haben Sie sich zu dem Tischler entwickelt, der Sie heute sind? 

Markus Huppertz: Ich bin spezialisiert auf Möbel und Innenausbau. Das hängt sicher mit meinem Ausbildungsbetrieb zusammen, der für die Kölner High Society gearbeitet hat. Da ging es immer um hohe Qualität und Gestaltung. Später habe ich Holztechnik studiert. In den Semesterferien habe ich auf Baustellen mitgearbeitet, aber auch viel für mich selbst gebaut. Möbel, kleine Projekte, Experimente. Ich habe Designbücher verschlungen, Architekturzeitschriften gesammelt und mich von diesen Anregungen inspirieren lassen. Besonders interessieren mich Formensprache, Linienführung und Proportionen. Oft bekomme ich das Feedback, dass man diese Liebe zur Gestaltung in meinen Möbeln sieht. Das Feedback erhalte ich von meinen Kunden:innen. Ich habe den kompletten Querschnitt der Bevölkerung, die mich beauftragen, vom Bürgergeldempfänger bis zum Millionär. Mir ist wichtig, dass meine Möbel Menschen erreichen, die Wert auf Qualität statt auf Status legen. Der Weg dorthin war hart, aber die Mund-zu-Mund-Propaganda trägt mich mittlerweile.

Sie sind selbstständig und haben keine Mitarbeiter beschäftigt. Es ärgert Sie, dass Sie als Solo-Selbstständiger keine Lobby haben – und auch die Steuern empfinden Sie als ungerecht. Was ist der Stein des Anstoßes?  

Markus Huppertz: Ich empfinde eine große Ungerechtigkeit bei der Verteilung von Chancen und Anerkennung. Arbeitskraft lässt sich längst nicht so ‚veredeln‘ wie Vermögen oder Immobilien. Gerade kleine Selbstständige im Handwerk haben keine echte Lobby, die ihnen das Geldverdienen erleichtert. Stattdessen kämpfen wir mit Bürokratie, die Zeit frisst. Ich arbeite allein und kann nichts delegieren. Und dann zahle ich als Einzelkämpfer zusätzlich zur Einkommenssteuer, Gewerbesteuer und habe den vollen Mehrwertsteuersatz auf meine Arbeitszeit. Wenn ich Waren aus China importieren würde, wäre das für viele normal, aber bei meiner Lebenszeit als Leistung wird der Steuersatz zum Problem, weil er die Preise für Kundinnen und Kunden hochtreibt.

Sie äußern sich dazu sogar in den sozialen Medien und benennen Ihre Kritik. Wie reagiert Ihr Umfeld darauf, dass Sie Ihre Meinung öffentlich vertreten?  

Markus Huppertz: Ich habe schon oft gedacht, dass ich mir damit vielleicht auch selbst schade. Manche mögen meine politische Haltung ablehnen und gehen dann lieber zu jemand anderem. Aber ich hoffe, dass ich auf lange Sicht die richtigen Menschen anziehe: kritische, reflektierte Kundinnen und Kunden, mit denen ich mich auf Augenhöhe austauschen kann. Ich bin wütend über bestimmte Entwicklungen und habe einen starken Wunsch nach Veränderung. Diese komplett zu unterdrücken, nur um niemanden zu irritieren, fühlt sich für mich falsch an.

Huppertz-Markus Holz lebt, und ich lebe mit ihm

Worauf richtet sich diese Wut konkret?

Markus Huppertz: Auf das Gefühl, dass die Sorgen der „kleinen Leute“ politisch kaum vorkommen. Das Leben wird teurer, Mieten steigen und Energie bleibt unsicher und nicht wirklich bezahlbar. Gleichzeitig erleben wir, dass Fortschritt zurückgedreht wird, wenn große Lobbygruppen es einfordern. Ich erwarte keine persönlichen Wunder von der Politik. Aber ich möchte von Menschen regiert werden, die diese Realität sehen und benennen. Ich fühle mich da eher von linken Parteien verstanden, weil sie die Lebenswirklichkeit von Geringverdienern und kleinen Selbstständigen thematisieren.

Dass keine Wunder zu erwarten sind, ist verständlich. Doch die Politik, die wir erleben, führt auch zur Spaltung, vor allem dann, wenn „kleine Menschen“ nicht mehr gesehen werden. Wie schauen Sie in diesem Kontext auf unsere Demokratie?

Markus Huppertz:Mit großer Sorge, denn unsere Demokratie ist gefährdet. Viele Menschen sind erschöpft und haben kaum noch die Kraft, sich zu engagieren. Vielleicht gehen sie einmal im Jahr auf eine Demo, mehr ist oft nicht drin. Hinzu kommt die Angst: Wer Kinder hat, macht sich Sorgen um deren Zukunft. Und natürlich gibt es reale Befürchtungen: körperliche Angriffe, wirtschaftliche Nachteile und soziale Ausgrenzung. Demokratie braucht Mut, aber unsere Strukturen machen es den Menschen nicht leicht, diesen Mut im Alltag zu leben.

Viele Strukturen sind veraltet. Deshalb setzen Sie auf „Autarkie”, um sich von den Systemen unabhängig zu machen. Wie? 

Markus Huppertz: Ich versuche, mich in meinem Rahmen unabhängiger zu machen: durch einen bewussten Umgang mit Geld, durch Rücklagen und durch Vernetzung mit ähnlich denkenden Menschen. Ich vergrößere meinen Betrieb bewusst nicht. Der Vorteil ist, dass ich dadurch beweglich bin. Wenn es eng wird, kann ich den Standort oder meine Tätigkeit eher anpassen. Das gibt mir ein Stück persönliche Freiheit. Hätte ich Kinder, wäre meine Sorge um ihre Zukunft noch größer. So habe ich etwas mehr Spielraum, um mein Leben nach meinen Werten auszurichten und auch unbequeme Wege zu gehen.

Was raten Sie Menschen, die ähnliche Sorgen haben wie Sie?

Markus Huppertz: Zunächst einmal: Nicht abstumpfen. Es gibt zaghafte, aber wichtige Ansätze: Es gibt Gruppen, Initiativen und Vereine, die sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen beschäftigen und sich vernetzen. Wer „wach“ ist, wie ich es positiv verstehe, hat die Chance, sich vorzubereiten: einen kleinen Vorrat an Lebensmitteln anzulegen, eine alternative Stromquelle zu haben und sich ein paar Inseln der Unabhängigkeit zu schaffen. Das klingt vielleicht banal, aber es schafft innere Ruhe. Und auch Kontakte ins Ausland können sinnvoll sein. Niemand weiß, wie sich Situationen entwickeln. Man kann schneller selbst zum Flüchtling werden, als man denkt. Doch ich neige nicht zu Hysterie. Wenn es eng wird, versuche ich, mich zu erden. Ich atme, bin in der Natur und finde mein Urvertrauen wieder. Dann frage ich mich: Was ist der nächste sinnvolle Schritt? Wie kann ich mich stabilisieren und vielleicht auch anderen helfen? Das ist für mich eine Art persönliche Wandelkompetenz: die Fähigkeit, mich auf Veränderungen vorzubereiten und in Krisen handlungsfähig zu bleiben.

Eine andere Krise ist der Klimawandel. Was machen Sie, um Ihrer persönlichen Verantwortung gerecht zu werden? 

Markus Huppertz: Aus Nachhaltigkeitsgründen und aus Gründen der Gerechtigkeit versuche ich, meinen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Ich frage mich: Warum sollte ich mir herausnehmen, zehnmal so viel Energie zu verbrauchen wie beispielsweise jemand in Sri Lanka? Um CO₂ einzusparen, fliege ich nicht.  Wenn ich mir etwas kaufen möchte, überlege ich dreimal, ob ich es wirklich brauche, woher es kommt und wie lange es hält. Dasselbe gilt für Verpackungen, Nahrungsmittel und alltägliche Dinge. Perfekt ist niemand, aber Bewusstsein verändert viel. Ich trage Verantwortung, für das, was ich tue, für das, was ich baue, für die Ressourcen, die ich verbrauche, und für die Haltung, mit der ich durchs Leben gehe. Ich möchte im Kleinen wie im Großen meinen Beitrag leisten. Wenn wir alle ein bisschen mehr Verantwortung übernehmen, können wir mehr bewegen, als wir glauben. Außerdem wünsche ich mir, dass Handwerker und Handwerkerinnen wieder mehr als Zukunftsgestalter und nicht nur als Dienstleister gesehen werden.