Positives Geld für eine regenerative Welt
Ein Interview von Elita Wiegand mit Dr. Friedhelm Boschert
Du warst lange Jahre Vorstandsvorsitzender einer internationalen Bankengruppe, lehrst als Professor für CSR, bist Experte für Sustainable Finance und Trainer für Achtsamkeit in Unternehmen.
In dem aktuellen Buch „Positives Geld für eine regenerative Welt“, das Du gemeinsam mit Raphaela Hoffmann geschrieben hast, beschreibt Ihr, dass wir gerade in Zeiten der Klimakrise das Thema Geld als Treiber der Transformation übersehen haben. Woran liegt das?
Dr. Friedhelm Boschert: Das liegt hauptsächlich daran, dass Geld bis heute ein Tabuthema ist. Die meisten von uns haben gelernt, dass man über Geld nicht spricht. Dabei ist Geld, und das wird oft übersehen, ein zentraler Hebel für Veränderung. Denn es ist allgegenwärtig, durchdringt unser Leben und beeinflusst unzählige Entscheidungen.
Obwohl wir schon früh durch Eltern, Lehrer oder Freunde viel über Geld erfahren haben, reden wir kaum darüber. Doch Geld spielt in all unseren Alltagsentscheidungen eine dominante Rolle. Es prägt Beziehungen, bestimmt Aktivitäten und begleitet uns ständig als Hoffnungsträger oder Sehnsuchtsziel. Für uns als Banker war der Ausgangspunkt für das Buch: Geld berührt jeden Lebensbereich und ist damit auch ein entscheidender Faktor für persönliche und gesellschaftliche Veränderungen.
Dass Geld tabuisiert wird, hat sicher viele Gründe. Geld kann Neid, Konkurrenzdruck, Habgier oder Angst auslösen, und gleichzeitig verbinden wir es mit Freiheit, Erfolg und Glück. Warum ist Geld so emotional?
Dr. Friedhelm Boschert: Geld verkörpert für uns alle Möglichkeiten, weil wir all unsere Wünsche, Träume und Sehnsüchte auf und in das Geld projizieren. In unserer Gesellschaft ist es so zum Maßstab für Erfolg, Sicherheit und Freiheit geworden. Wir glauben allzu oft, dass materieller Besitz grenzenlose Möglichkeiten eröffnet. Damit blenden wir jedoch die langfristigen Folgen unseres Wirtschaftens für den Planeten aus. Außerdem unterliegen viele der trügerischen „Geld-Glücks-Illusion“. Doch wenn ich nicht in der Lage bin, Glück zu leben oder Freiheit zu genießen, bleibt der schöne Schein des Geldes leer.
Oft hören wir, Geld sei nur ein Tauschmittel. Wie neutral ist Geld wirklich?
Dr. Friedhelm Boschert: Wenn man Menschen fragt, was Geld ist, lautet die Antwort meist: ein Tauschmittel. Damit sprechen sie über die Funktion, aber nicht über den Charakter des Geldes. Die Funktionen sind tatsächlich neutral. Doch Geld ist auf der persönlichen Ebene eine mentale Vorstellung, ein Glaube. Und auf der gesellschaftlichen Ebene eine soziale Übereinkunft. Wie kann das neutral sein?
Und unser gegenwärtiges Geldsystem ist alles andere als neutral. Die Geldmenge ist in den vergangenen 30 Jahren wesentlich schneller gewachsen als die Wirtschaft. Jeder Euro, den wir besitzen oder anlegen, steht auf der anderen Seite für eine Schuld. In den vergangenen Jahrzehnten sind diese Schulden, hauptsächlich die Staatsschulden, massiv gestiegen. Seit dem Jahr 2000 haben sie sich verfünffacht, während sich das globale BIP nur verdreifacht hat.
Zinsen sind dabei ein zentraler Mechanismus der Geldvermehrung: Durch Zinsen und Zinseszins wachsen Vermögen, also auch Schulden, exponentiell. Das führt zu ungleicher Vermögensverteilung und langfristigen Abhängigkeiten. Staaten sind gezwungen, neue Kredite aufzunehmen, um alte Schulden und Zinsen zu bedienen. Das fördert nicht nur Verschuldung, sondern konzentriert Kapitalströme in wenigen Händen.

In dem Buch gibt es den Abschnitt „Natur, Landschaft und Dorf unter einer zerstörerischen Geldwalze“. Welche Folgen beinhalten Immobilien und Kredite für die Natur und Lebensräume?
Dr. Friedhelm Boschert: Das hängt wiederum damit zusammen, dass in unserem gegenwärtigen Geldsystem Geld durch Geschäftsbanken im Zuge von Geschäften geschaffen wird. Das Immobiliengeschäft hält sich selbst in Gang, weil Banken mit der Kreditvergabe Geld schöpfen und damit gute Geschäfte machen. Das führt zu seelenlosen Gebäuden und fantasielosen Siedlungen. Das Label „Luxus“ treibt die Preise pro Quadratmeter auf 4.000 bis 6.000 Euro.
Österreich zum Beispiel ist europäische Spitzenreiterin bei der Bodenversiegelung: Täglich werden dort rund zwölf Hektar Fläche mit Beton und Asphalt bedeckt. Das billige Geld der Banken war und ist einer der Haupttreiber dieser Entwicklung mit zerstörerischen Folgen für Natur und Umwelt.

Der Titel „Positives Geld“ fordert dazu auf, unsere Gewohnheiten, Glaubenssätze und Einstellungen zu hinterfragen. Im Workbook zum Download gibt es viele Reflexionsfragen. Worum geht es da?
Dr. Friedhelm Boschert: Wir alle tragen Glaubenssätze über Geld in uns, die wir schon als Kinder übernehmen, bewusst oder unbewusst. Wer etwa hört, dass „Geld stinkt“ oder „den Charakter verdirbt“, entwickelt eine Abwehrhaltung. Positive Formulierungen wie „Geld schafft Chancen“ zeigen dagegen, dass Geld ein Werkzeug sein kann, um Chancen zu erkennen und umzusetzen. Wir möchten, dass die Leser:innen reflektieren, ihre eigenen Muster erkennen und bewusster mit Geld umgehen. Denn wer Klarheit über die eigenen Überzeugungen gewinnt, kann entspannter und selbstbestimmter handeln.
Zudem liegt uns am Herzen, zu zeigen, dass jeder Einzelne etwas bewirken kann. Das Zitat von Karen O’Brien „You matter more than you think“ drückt es aus: Jeder von uns spielt eine wichtige Rolle und jeder Euro ist eine Abstimmung über unsere Zukunft. Gehen wir mit uns selbst im Umgang mit Geld achtsam um, dann fördert das unsere Selbstwirksamkeit und wir kommen zu nachhaltigeren Entscheidungen.
Du und Deine Co-Autorin Raphaela Hoffmann habt nicht nur das Buch veröffentlicht, sondern auch eine Community und eine Bildungsinitiative gegründet. Was steckt dahinter?
Dr. Friedhelm Boschert: Wir sind beide Lehrende: Raphaela in Schulen, ich an Universitäten. Uns war es wichtig, ein neues Bewusstsein für Geld, gerade bei jungen Menschen, zu fördern. Unser Anliegen ist, dass Geldbildung schon früh Teil der Persönlichkeitsentwicklung wird. Wir möchten, dass Schulen das Thema Geld stärker integrieren, nicht nur als ökonomisches Wissen, sondern als Kompetenz im Leben. Wir sehen unseren Ansatz als „GeldBildung“, der einer produktorientierten Finanzbildung unbedingt vorangehen muss.
In Eurer POGEFIX-Community kann man Mitglied, Partner:in, Förderer oder Botschafter:in werden. Was würde sich verändern, wenn viele Menschen Eurer Bewegung beitreten und ihr das Geldbewusstsein wandelt?
Dr. Friedhelm Boschert: Unser Ziel ist, dass mehr Menschen durch bewusstes Handeln positiven Einfluss auf die Welt nehmen. Wenn wir unser Verhältnis zu Geld reflektieren, schaffen wir eine Grundlage für ein anderes Handeln und damit auch für eine andere Form des Wirtschaftens, eine, die nicht zerstört, sondern aufbaut.
Wir erleben derzeit viele Krisen. Viele Menschen fühlen sich ohnmächtig. Ich wünsche mir, dass sie ihre eigene Wirksamkeit wieder spüren lernen, gerade in einem neuen Umgang mit Geld. Wenn uns das gelingt, entsteht eine starke, zukunftsorientierte Gemeinschaft und „Positives Geld“ wird zur gelebten Realität.
Buchtipp
Positives Geld für eine regenerative Welt
von Raffaela Hoffmann und Friedhelm Boschert
Haufe Verlag
Zu bestellen – hier…








