Raus aus der digitalen Abhängigkeit: Ein deutsches Smartphone als Gegenentwurf

Digitale Technologien bestimmen, wie wir die Welt sehen. Algorithmen filtern Informationen, Plattformen lenken Aufmerksamkeit, Smartphones strukturieren unseren Alltag. Dr. Jörg Wurzer will Alternativen zu Big-Tech schaffen. Er setzt auf die digitale Souveränität, auf Transparenz und Vertrauen. Mit seinem Unternehmen Volla hat er deshalb ein deutsches Smartphone entwickelt.

Ein Interview von Elita Wiegand mit Dr. Jörg Wurzer, Gründer und Geschäftsführer.  

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Dr. Jörg Wurzer, Volla Gründer und Geschäftsführer

Sie sind eigentlich Philosoph. Wie wird man vom Denker zum Smartphone-Hersteller?

Dr. Jörg Wurzer: Die Philosophie war mein Antrieb, denn mich hat immer die Frage interessiert: Wie verändert Technik unser Denken und unsere Wahrnehmung der Welt? In meiner Forschung ging es um das Verhältnis von Realität und digitalen Welten. Heute sehen wir sehr deutlich, dass digitale Inhalte unsere Weltsicht prägen. Algorithmen zeigen uns nur das, was zu unserem Profil passt. Das wirkt zunächst komfortabel und ist bequem, führt aber dazu, dass sich unser Blick auf die Welt verengt.

Die Systeme sind darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit zu binden. Das ist ihr Geschäftsmodell. Doch dabei verlieren wir Tiefe, Reflexion und auch ein Stück Selbstbestimmung. Wir haben verlernt, Technik als Werkzeug zu begreifen. Mir ist es wichtig, dafür ein Bewusstsein zu schaffen und auch Lösungen anzubieten. Menschen sollten Technik nutzen können, ohne sich von ihr vereinnahmen zu lassen. Wenn man diese Entwicklung ernst nimmt, reicht es nicht, sie zu kritisieren. Man muss Alternativen schaffen.

Aus dieser Erkenntnis heraus haben Sie eine Smartphone-Marke in Deutschland aufgebaut. Wie ist Ihnen das gelungen?

Dr. Jörg Wurzer: Viele haben damals geurteilt, dass es unmöglich sei, ein Smartphone zu produzieren, vor allem, weil die Standortbedingungen in Deutschland schlecht sind, um wirtschaftlich zu arbeiten. Wir haben drei Jahre lang geforscht und entwickelt. Dazu haben wir Fokusgruppen gebildet und aus den Ergebnissen der Interviews, das Benutzerkonzept entwickelt und anschließend den Prototypen für Volla entworfen. Im Mittelpunkt stand für uns dabei immer die Frage: Wie müsste ein Smartphone aussehen, das den Menschen stärkt, statt ihn zu steuern.

Wie haben Sie den Ansatz Menschen zu stärken, statt sie zu steuern, in Ihrem Smartphone umgesetzt?

Dr. Jörg Wurzer: Bei Volla haben wir unsere Aufmerksamkeit von Anfang an darauf gelenkt, die Funktionen des Geräts zu reduzieren. Wenn Sie das Gerät entsperren, sehen Sie im Wesentlichen nur ein Textfeld und einen Punkt. Die Idee dahinter ist, dass der Nutzer beschreibt, was er tun möchte, und das System die Absicht erkennt und die Kommunikation, Termine oder Informationen verbindet. Ein Beispiel: Wenn ich anfange, etwas zu schreiben, dann antizipiert das System, was ich tun will. Es erahnt meine Absicht. Wenn ich einen Namen schreibe, wird er durch meine Kontakte ergänzt, die ich angelegt habe. Oder wenn ich beispielsweise „Morgen 12 Uhr Zahnarzt“ eingebe, legt das Smartphone den Termin an. Das bedeutet, dass sich der Nutzer nicht mehr durch verschiedene Apps navigieren muss, sondern direkt mit dem System interagiert. Dadurch verändert sich die Nutzung spürbar, da es deutlich weniger Ablenkung gibt.

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Sie haben einen Gegenentwurf zu Apple oder Samsung auf den Markt gebracht. Worin liegen die Unterschiede?

Dr. Jörg Wurzer: Bei uns stehen der Mensch und die Inhalte im Mittelpunkt. Wer möchte, kann weiterhin auch klassische Apps nutzen, aber wir zeigen, dass es auch anders geht. Unsere Formel lautet: Einfachheit und Sicherheit. Wir setzen auf digitale Souveränität. Wenn Sie sich ein Smartphone von Apple oder Samsung kaufen, haben Sie die Betriebssysteme iOS oder Stock Android von Google darauf, die mit Cloud-Diensten der jeweiligen Anbieter verflochten sind. Nutzerdaten werden hierbei in US-Rechenzentren verarbeitet und gespeichert. Wenn ich dann noch Sprachassistenten mit KI verwende, kennt Apple oder Google sogar meine Stimme und meine Stimmung und kann das auswerten. Man kann davon ausgehen, dass von jedem ein digitales Profil existiert. Somit können meine Daten ausgewertet werden, um Funktionen anzupassen oder um passende Werbung einzublenden.

Unser Ansatz ist hingegen transparent. Das Gerät funktioniert ohne verpflichtende Konten und es gibt keine automatische Anbindung an einen Cloud-Dienst. Der Nutzer entscheidet selbst, welche Dienste er nutzt.

Wir sind aber auch bequem, obwohl wir wissen, dass wir Daten übertragen und die Anbieter diese nutzen. Wie sieht es mit der Verantwortung der Nutzer aus?

Dr. Jörg Wurzer: Verantwortung zu übernehmen bedeutet immer auch mehr Freiheit, und das ist eine bewusste Entscheidung. Wir setzen auf ein offenes System, das auf dem Android Open-Source-Projekt basiert, aber ohne die proprietären Google Pla Dienste auskommt. „Quelloffen“ bedeutet, dass jeder durch den veröffentlichen Programm-Code nachvollziehen kann, was im System passiert. Das schafft Vertrauen. Gleichzeitig ermöglicht das Open-Source-Prinzip, dass weltweit Entwickler darauf zugreifen können. Dadurch wird das System robuster und unabhängiger. Auf dieser Grundlage entwickeln wir eigene Komponenten, etwa unser Bedienkonzept oder Sicherheitsfunktionen. Ein Beispiel ist unser Sicherheitsmodus. Viele Menschen sind auf Apps angewiesen, die nicht unbedingt vertrauenswürdig sind. Bei uns können solche Apps isoliert oder temporär deaktiviert werden. In diesem Zustand verhalten sie sich, als wären sie nicht installiert. Zusätzlich lassen sich Tracker blockieren. Das sind Mechanismen, die Daten an Dritte senden. So geben wir den Nutzern die Kontrolle zurück, ohne sie einzuschränken.

Volla-Smartphone Raus aus der digitalen Abhängigkeit: Ein deutsches Smartphone als Gegenentwurf

Sie haben Ihr Unternehmen mit wenig Kapital und ohne Investoren gegründet. Wie realistisch war die Umsetzung zu Beginn?

Dr. Jörg Wurzer: Ich hatte 5.000 Euro Startkapital und wir haben das Unmögliche möglich gemacht. Ein entscheidender Faktor war dabei das Crowdfunding. Insgesamt haben wir so über 750.000 Euro eingesammelt. Noch wichtiger war jedoch die Community. Viele Entwickler und Unterstützer kamen nicht über klassische Wege zu uns, sondern durch Empfehlungen zu uns. Das sind Menschen, die nicht nur ein Produkt wollen, sondern Veränderung. Heute wachsen wir aus dem Cash Fow.

Volla produziert sowohl die Smartphones als auch die Tablets weitgehend in Deutschland. Warum ist Ihnen das wichtig?

Dr. Jörg Wurzer: Wir möchten die volle Kontrolle über das System haben. Die globalen Lieferketten lassen sich nicht vollständig vermeiden. Aber wir kombinieren internationale Fertigung mit der Entwicklung und abschließenden Produktionsschritten in Deutschland. Dazu gehört mitunter der Zusammenbau des Gerätes, vor allem aber das Aufspielen der Software, die bei uns entwickelt, gebaut und aufgespielt wird. Am Ende werden die Geräte verpackt und versiegelt.

Wie reagiert der Markt auf die Volla-Smartphones?

Dr. Jörg Wurzer: Wir sind noch klein, aber wir wachsen kontinuierlich. Unsere Nutzer sind Menschen, die bewusster mit Technologie umgehen. Es gibt aber auch solche, die einfach eine klarere, ruhigere Nutzung suchen. Unsere Zielgruppe wird auf uns aufmerksam. Das sind Nutzer, die von unserem Design, der Lebensqualität und der Nachhaltigkeit begeistert sind. Wir sehen, dass das Thema digitale Souveränität kein Nischenthema mehr ist und wir an einem Wendepunkt stehen. Die großen Plattformen bleiben zwar dominant, werden aber ergänzt. Es entsteht ein Marktsegment für Alternativen. Für Systeme, die einfacher sind und mehr Kontrolle ermöglichen. Und ich halte es für wichtig, dass solche Lösungen auch in Europa entstehen. Denn am Ende geht es nicht nur um Technologie. Es geht um die Frage, wie wir leben wollen.