Vom Obstkorb zum Human Capital 3.0
Warum die Longevity Ihrer Mitarbeiter die wichtigste Währung der Zukunft ist
von Dr. Josef Scheiber*
Ein Weckruf für Führungskräfte: Warum wir aufhören müssen, „Krankenstände“ zu verwalten, und anfangen müssen, biologische Energie zu managen.

Wenn man in deutschen Unternehmen das Wort „Gesundheitsmanagement“ (BGM) fallen lässt, entsteht meist ein sehr spezifisches Bild: Ein verstaubter Obstkorb am Empfang, ein vergünstigter Tarif im Fitnessstudio, den keiner nutzt, und vielleicht ein jährlicher „Gesundheitstag“ mit Rückenschule. Das ist nett. Das ist gut gemeint. Aber im Hinblick auf die Herausforderungen der modernen Arbeitswelt ist es so effektiv wie ein Pflaster auf einem Knochenbruch.
Wir steuern auf eine demografische Klippe zu!
Talente werden knapper, die Belegschaft wird älter. Unternehmen, die ihre Mitarbeiter weiterhin wie Verschleißteile behandeln, die man „verheizt“ und dann ersetzt, werden diesen Wandel nicht überleben. Es ist Zeit für ein radikales Umdenken. Wir brauchen eine Corporate Longevity Strategy. Wir müssen aufhören, Maschinen besser zu behandeln als Menschen. Für eine teure Produktionsanlage gibt es „Predictive Maintenance“ (vorausschauende Wartung). Sensoren melden, bevor ein Lager heiß läuft. Für den Mitarbeiter gibt es oft nur die Kündigung oder das Burnout. Der Longevity Loop bietet hier nicht nur ein medizinisches, sondern ein ökonomisches Modell: Der Mitarbeiter als biologisches System, dessen Leistungsfähigkeit wir nicht ausbeuten, sondern systemisch erhalten.
Das Büro als Exo-Biologie
Der größte Fehler im aktuellen BGM ist die Trennung von „Arbeit“ und „Gesundheit“. Arbeit ist das, was krank macht (Stress, Sitzen). BGM ist das, was repariert. Dieser Ansatz ist zu kurzsichtig. Wir müssen das Arbeitsumfeld selbst als Gesundheitsfaktor begreifen. Im Longevity-Konzept sprechen wir von Exo-Biologie: Der Raum, in dem wir uns aufhalten, ist ein ausgelagerter Teil unseres Stoffwechsels. Die meisten Büros sind biologische Wüsten. Konstantes Kunstlicht, schlechte Luft, keine Bewegung. Das ist ein Angriff auf die zelluläre Integrität.
Ein Longevity-Büro nutzt das Prinzip der Sense-Omics:
Licht-Hygiene:
Statt billiger Neonröhren braucht es ein circadianes Lichtsystem, das morgens aktiviert (blau/hell) und abends entspannt (rot/gedimmt), um den Hormonhaushalt der Mitarbeiter zu synchronisieren.
Die Kantine als Apotheke
Statt dem üblichen „Kantinokoma“ durch billige Kohlenhydrate (Insulin-Spike, gefolgt von Leistungsabfall), muss Nahrung als Information begriffen werden. Regionale, nährstoffdichte Kost, die das Gehirn füttert, statt es zu lähmen. Wer hier spart, zahlt am Nachmittag mit unproduktiven Mitarbeitern drauf.
Rhythmus statt Hamsterrad
Das industrielle Arbeitsmodell basiert auf Linearität: acht Stunden am Stück, fünf Tage die Woche. Biologische Systeme funktionieren aber nicht linear. Sie oszillieren. Hochleistungssportler trainieren nicht acht Stunden am Stück. Sie wechseln zwischen extremer Belastung (Aktivierung) und tiefer Erholung (Regeneration). Unternehmen müssen diesen Loop in die Unternehmenskultur integrieren.
Deep Work & Deep Rest:
Wir brauchen Phasen der absoluten Fokussierung (keine E-Mails, keine Meetings), gefolgt von echter Pause. Nicht „Pause am Smartphone“, sondern Pause für das Gehirn (Spaziergang, Atmen).
Meeting-Kultur:
Warum dauern Meetings 60 Minuten? Warum nicht 45, mit 15 Minuten Bewegungspause? Sitzen ist das neue Rauchen – es blockiert die Produktion von Myokinen (Botenstoffen aus den Muskeln), die wir für kognitive Leistung brauchen. Ein sitzendes Meeting ist ein Meeting mit reduzierter Gehirnleistung.
Experience als Asset: Die biologische Verjüngung
Warum ist das für den CFO interessant? Weil Erfahrung („Wisdom Capital“) das wertvollste Asset eines Unternehmens ist. Wenn ein Senior-Experte mit 55 Jahren biologisch so erschöpft ist, dass er nur noch auf die Rente wartet, verliert die Firma Millionen an implizitem Wissen. Wenn es uns aber gelingt, durch den Longevity-Ansatz das biologische Alter dieses Experten auf 40 zu senken, erhalten wir einen Mitarbeiter, der die Erfahrung eines 55-Jährigen mit der Energie eines 40-Jährigen kombiniert. Das ist der „Homo Regenerativus“ im Business-Kontext. Longevity im Unternehmen bedeutet nicht, dass wir alle 100 werden müssen, um 80 Jahre am Fließband zu stehen. Es geht um die Healthspan, die gesunde, produktive Zeitspanne.
Sinn als Treibstoff
Schließlich dürfen wir den Faktor Purpose nicht vergessen. Burnout ist oft nicht die Folge von zu viel Arbeit, sondern von sinnloser Arbeit. Biologisch gesehen wirkt Sinnhaftigkeit (Ikigai) wie ein Entzündungshemmer. Mitarbeiter, die verstehen, warum sie etwas tun, die sich zugehörig und wertgeschätzt fühlen, haben messbar längere Telomere (Schutzkappen der DNA) und ein robusteres Immunsystem. Eine toxische Unternehmenskultur ist kein „Soft Factor“. Sie ist ein biologisches Toxin. Sie erzeugt Inflammaging (chronische Entzündung) in der Belegschaft. Führungskräfte sind in diesem Sinne „Epigenetik-Manager“: Durch ihren Führungsstil beeinflussen sie direkt die Genexpression ihrer Teams.
Fazit: Return on Longevity (ROL)
Die Zeit der kosmetischen Maßnahmen ist vorbei. Ein Obstkorb repariert keinen kaputten Schlafrhythmus. Ein Rabatt im Fitnessstudio gleicht keine zehn 0 Stunden Sitzen aus. Zukunftsorientierte Unternehmen investieren in die biologische Kompetenz ihrer Mitarbeiter. Sie schaffen Umgebungen, die Gesundheit nicht verbrauchen, sondern generieren. Sie verstehen, dass die Vitalität ihrer Leute die einzige Energiequelle ist, die Innovation antreibt. Der Return on Longevity ist messbar: Weniger Krankheitstage sind nur der Anfang. Das Ziel sind Mitarbeiter, die hellwach, resilient und langfristig leistungsfähig sind. Gesundheit ist keine Privatsache mehr. Sie ist die Basis des Unternehmenserfolgs.
Fotos: Pixabay







