Wie Tech-Oligarchen die Zukunft neu programmieren

von Elita Wiegand 

Jannis Brühl, Digitalexperte der Süddeutschen Zeitung, beschreibt in seinem Buch „Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen“ die zweite Amtszeit von Trump als Projekt der Tech-Milliardäre. Sie nutzen Trump, um die Demokratie nach ihrem Bild umzubauen und sich die Zukunft als Eigentum einer kleinen Elite zu sichern.

Im Zentrum steht der Mythos der Disruption, die radikale „schöpferische Zerstörung“, die einst vom Ökonomen Joseph Schumpeter geprägt wurde und heute die Heilslehre der Tech-Elite darstellt. Disruption wird so zum politischen Projekt: eine permanente Revolution des Kapitalismus, vorangetrieben von Milliardären, die sich als Retter einer stagnierenden Welt sehen. Disruption dient als politischer Deckmantel, um reaktionäre Ideen ins Herz der Demokratie einzuschleusen. Der Autor deckt auf, wie sich in dieser Bewegung ein gefährlicher rechter Futurismus formt, ein Denken, das Demokratie als hinderlich und liberalen Humanismus als Schwäche empfindet. Statt Reformen wollen die Oligarchen einen Neuanfang: eine Gesellschaft ohne „lähmende Bürokratie“, ohne demokratische Prozesse, in der Unternehmer und Algorithmen regieren.

Disruption-Buch-800x450 Wie Tech-Oligarchen die Zukunft neu prorammieren

Zwei Stämme: Trump-Populisten und Tech-Futuristen

Jannis Brühl greift das Bild von J. D. Vance auf: In der Allianz um Trump gibt es zwei „Stämme“. Der erste Stamm sind die Populisten der MAGA-Bewegung, der zweite die Tech-Futuristen aus dem Silicon Valley, die an einen radikalen technologischen Fortschritt ohne Regulierung glauben. Trump ist für sie der politische „Disruptor“, der keine Rücksicht auf demokratische, diplomatische oder moralische Regeln nimmt. Genau das macht ihn für sie nützlich.

Wer sind die ideologischen Unternehmer?

In seinem Buch konzentriert sich der Journalist auf eine Gruppe von Akteuren: Peter Thiel, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Alex Karp (Palantir), Sam Altman, Marc Andreessen sowie David Sacks, Palmer Luckey (Anduril) und Brian Armstrong (Coinbase). Viele von ihnen sind über die sogenannte „PayPal-Mafia“ verbunden, ein Netzwerk, das sich seit den 2000er-Jahren finanziell und ideologisch gegenseitig stärkt.

Peter Thiel wird dabei zur Schlüsselfigur. Er verknüpft eine religiöse Mythologie, Machtgier und technologische Heilsversprechen zu einem ideologischen Überbau. Ein Wendepunkt ist Thiels Text „The Education of a Libertarian, in dem er Demokratie und wirtschaftliche Freiheit für grundsätzlich unvereinbar erklärt. Seine libertäre Grundhaltung: möglichst wenig Staat, maximale unternehmerische Freiheit. Der Kauf und Umbau von Twitter/X durch Elon Musk steht exemplarisch dafür.

Zurück an den Herd

Erschütternd ist auch Brühls Analyse der Geschlechterrollen im Umfeld der Oligarchen. Frauen machen „E-Mail-Jobs“. In der patriarchalen Welt der Big-Tech-Elite gelten Unterordnung, Gehorsam und  die „maskuline Energie“ als Tugenden. Sie wünschen sich eine Politik, die Frauen zwingt ihnen zur Verfügung zu stehen

AGI: Superintelligenz als letzte Rechtfertigung

Eine zentrale Rolle spielt dabei AGI (Artificial General Intelligence) die „künstliche allgemeine Intelligenz“, die es noch nicht gibt, die aber als unausweichlich inszeniert wird. In den Erzählungen der KI-Tech-Konzerne erscheint sie entweder als Erlösung, die Lösung aller Menschheitsprobleme oder als apokalyptische Bedrohung. Das Ergebnis: Regulierung wirkt plötzlich wie Sabotage, da sie angeblich die Lösung existenzieller Krisen verhindert oder uns schutzlos gegen eine kommende Superintelligenz zurücklässt. Die Deutungshoheit über diese Zukunft beanspruchen diejenigen, die AGI „bauen“ wollen.

Brühl beschreibt die Verschmelzung von Macht und Metaphysik in Form von Transhumanismus, Longtermismus und der Idee der Singularität besonders eindringlich. Die Tech-Elite begreift sich als Speerspitze der Evolution. Der Mensch soll optimiert, übertroffen und schließlich überwunden werden: Chips im Gehirn, verlängertes Leben, die Verschmelzung von Mensch und Maschine.

„Die Zukunft ist nicht das Eigentum einer kleinen Clique“ 

Was sich dabei offenbart, ist eine Zukunftsvision, die nach einem politischen Umbau der Menschheit klingt. Eine Welt, in der der Kapitalismus zur Ersatzreligion wird, in der künstliche Intelligenz unkontrolliert über Institutionen hinauswächst und in dem Menschen zu Datenpunkten einer neuen Ordnung werden. Den Protagonisten dieser Bewegung gilt Demokratie als ineffizient, hinderlich und überholt. Ihr Traum ist eine postdemokratische Welt, in der Super-Unternehmer nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich herrschen.

Dem kann man nur begegnen, wenn man aufhört, die Macht der Tech-Oligarchen als naturgegebenes Schicksal zu akzeptieren. Wir müssen beginnen, die digitalen Infrastrukturen unserer Zukunft in Europa selbst zu gestalten.

Das Buch ist eindringlich. Der Leser blickt in eine Zukunft mir ungewissen Ausgang. Ein Muss für alle, die verstehen wollen, wie das Denken des Silicon Valley unsere Demokratie verändert.

Buchtipp

bruehl-jdisruption- Wie Tech-Oligarchen die Zukunft neu prorammieren

Disruption | Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demoktrie, wie wir sie kennen  
Jannis Brühl 

DVA

Zu bestellen – hier…