Wie Zukunftslotse Thomas Strobel Unternehmen bis 2050 auf Kurs bringt


Thomas Strobel unternimmt mit Unternehmen eine Zeitreise in das Jahr 2050, um mit ihnen die Zukunft vorausschauend zu gestalten. Elita Wiegand hat mit dem Zukunftslosen gesprochen.

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Zukunftslostse ThomasStrobel

Du bezeichnest Dich als Zukukunftslosten. Was verbirgt sich dahinter?

Thomas Strobel: Ich nutze das Bild des Lotsen auf einem Schiff: Der Kapitän trägt die Verantwortung, aber in schwierigen oder unbekannten Gewässern holt er sich einen Lotsen an Bord, der ihn auf sicherem Kurs durch diese Gewässer leitet.
Für Unternehmen übernehme ich genau diese Rolle bei Zukunftsfragen. Ich begleite Führungsteams bei der Kursbestimmung in eine Zukunft, die sich deutlich von den letzten Jahrzehnten unterscheidet. Ich bringe meine langjährige Erfahrung über „Untiefen“, Risiken und neue Chancen ein und erarbeite gemeinsam mit dem Management die Informationen, Annahmen und Schritte, die für eine tragfähige Zukunftsstrategie und erfolgreiche Transformation nötig sind.

Kursbestimmung in Richtung Zukunft bedeutet für Dich auch, dass Du Dich mit Unternehmen auf den Fixpunkt 2050 fokussierst. Warum dieses Zieljahr und wie sieht die Umsetzung aus?

Thomas Strobel: 2050 ist für mich ein bewusst gewähltes Zieljahr. Es ist weit genug entfernt, um wirklich anders denken zu müssen, und nah genug, um heute mit der Umsetzung zu beginnen. Die kommenden 25 Jahre werden grundlegend anders sein als die vergangenen 50. Deshalb können wir unsere bisherigen Erfahrungen nicht ungeprüft fortschreiben, sondern müssen sie kritisch hinterfragen.

Ich sehe die nächsten Jahrzehnte für Unternehmen eher als Expedition, denn als Verlängerung einer bekannten Route. Dafür brauchen wir ein gemeinsames Zielbild der Zukunft. Wenn wir dieses Bild für 2050 erarbeitet haben, gehen wir gedanklich rückwärts und fragen: Was muss 2040, 2035 oder 2030 schon erreicht sein, damit wir 2050 unser Ziel erreichen können? Wir schauen also nicht von gestern über heute nach morgen, sondern von 2050 zurück in die Gegenwart und leiten daraus wichtige Handlungsfelder und notwendige Etappenziele ab.

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Du sprichst von einer „Zukunftskarte“ für Unternehmen. Doch die Zukunft können wir nicht vorhersehen. Wie gehst Du vor?  

Thomas Strobel: Anders als oft angenommen haben wir heute erstaunlich viele Informationen über die Rahmenbedingungen bis 2050: Politische Leitplanken wie der European Green Deal, die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie oder Indikatoren wie der Erdüberlastungstag zeigen klar, dass Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit zentrale Leitlinien sein werden.

Die Kreislaufwirtschaft ist ein Schlüsselelement dieser Entwicklung. Sie prägt bis 2050 eine Reihe von Verpflichtungen und Zielzuständen, die relativ klar definiert sind. Gleichzeitig bleiben viele Faktoren unsicher. Deshalb arbeiten wir mit zwei Bausteinen: bekannten Rahmenbedingungen und bewusst getroffenen Annahmen. Beides zusammen bildet die Grundlage, um aus der Perspektive des Jahres 2050 auf das Jahr 2026 zurückzublicken und unternehmerische Handlungsbedarfe für Wettbewerbsvorteile von morgen abzuleiten.

Du hast den Erdüberlastungstag erwähnt. Welche Bedeutung hat er für Deine Arbeit mit Unternehmen?

Thomas Strobel: Derzeit liegt der Erdüberlastungstag global ungefähr Ende Juli. Das heißt, wir haben dann bereits alle Ressourcen verbraucht, die die Erde in einem Jahr regenerieren kann. Ab diesem Zeitpunkt leben wir auf Pump zulasten zukünftiger Generationen.

Wenn wir unser Verhalten nicht ändern, werden wir die Erde so lange ausbeuten, bis ihre Ressourcen für ein menschenwürdiges Leben nicht mehr ausreichen. Der Weg in Richtung reduzierter Ressourcenverbrauch ist also vorgezeichnet. Unternehmen, die 2050 noch erfolgreich sein wollen, müssen ihren Beitrag dazu leisten. Bis 2050 werden wir nur selten die Planungssicherheit haben, die wir uns wünschen. Deshalb müssen wir mit den heute bekannten plausiblen Rahmenbedingungen arbeiten und dafür vorausschauend handeln.

Die Planungssicherheit wankt auch durch die Künstliche Intelligenz, weil sich dadurch vieles verändert. Welche Auswirkungen haben die technologischen Entwicklungen Deiner Meinung nach auf die Kreislaufwirtschaft?

Thomas Strobel: KI wird viele Bereiche verändern und kann uns bei der Transformation massiv unterstützen. Aber sie hebt die physikalischen Grenzen unseres Planeten nicht auf. Auch die beste KI kann das Wasser und die Nahrung, die wir real benötigen, nicht ersetzen.

Bis Ende des Jahrhunderts müssen wir etwa zehn Milliarden Menschen mit sauberem Trinkwasser und ausreichend Nahrungsmitteln versorgen.Für diese Herausforderung benötigen wir höhere und zugleich nachhaltigere Erträge auf bestehenden Flächen oder neue Konzepte wie beispielsweise das Vertical Farming, bei dem Lebensmittel in der Stadt und damit näher an den Verbrauchern produziert werden.

Damit verbunden sind folgende Fragen: Wie ernähren wir Megastädte? Wie organisieren wir die Logistik für materielle Güter und reale Stoffströme so, dass Wege kurz bleiben und Ressourcen geschont werden? KI kann dabei helfen, diese Systeme zu optimieren, doch sie entbindet uns nicht von der Transformation zu einer funktionierenden, ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft.

Kannst Du Unternehmen nennen, die das Konzept der Kreislaufwirtschaft bereits erfolgreich umsetzen?

Thomas Strobel: Ein gutes Beispiel ist Werner & Mertz, das Unternehmen hinter der Marke Frosch. Das Unternehmen hat seine Verpackungen in einem langjährigen Prozess so weiterentwickelt, dass sie heute kreislauffähig sind.

Werner & Mertz kann eigene Verpackungen so aufbereiten, dass sie nahezu vollständig im Kreislauf bleiben. Das ist das Ergebnis vonüber 15 Jahren konsequenter Arbeit, angefangen zu einem Zeitpunkt, als das Thema noch kaum ernst genommen wurde. Heute verfügt das Unternehmen dadurch über einen erheblichen Wissensvorsprung, eigene Rezyklatströme und einen handfesten Wettbewerbsvorteil.

Ein weiteres Beispiel ist VAUDE mit der Outdoor-Ausrüstung. Das Unternehmen  bietet Reparaturservices für seine Textil-Produkte an. Außerdem gibt es einen Second-Hand Online-Shop und eigene Upcycling-Kollektionen. Auch das Mieten von Outdoor-Ausrüstung wird angeboten. Gleichzeitig verzichtet VAUDE bei seiner Funktionskleidung vollständig auf PFAS, auch „Ewigkeitschemikalien“ genannt, und erhält dennoch die volle Funktionalität.So entstehen geschlossene Kreislauf: langlebige, reparierbare Produkte, die möglichst lange im Gebrauch bleiben.

Von den Beispielen der Unternehmen Werner & Mertz und VAUDE sind viele weit entfernt. Trotzdem springen Unternehmen auf den Zug der Nachhaltigkeit auf, aber dahinter verbirgt sich oft „Greenwashing“. Wie stehst Du dazu?

Thomas Strobel: Greenwashing folgt meist einer kurzfristigen Logik und fällt früher oder später auf. Den Unterschied zwischen echtem Wandel und ‚grünem Anstrich‘ erkennt man daran, wie tiefgreifend die Veränderungen im Unternehmen sind.

Wer sein Produktportfolio umstellt, zirkuläres Design einführt, neue Geschäftsmodelle entwirft, Prozesse ändert und Lieferketten neu ausrichtet, verfolgt eine konsequente Strategie. Da verändert sich nicht nur das Marketing, sondern die Philosophie eines Unternehmens wandelt sich zu Ressourcengebrauch statt -verbrauch.

Ich gehe davon aus, dass wir bald Werkzeuge und Kennzahlen haben werden, die Nachhaltigkeit und Kreislauffähigkeit transparent machen, etwa in Form von Nachhaltigkeits- oder Kreislaufbilanzen. Diese Transparenz ist für Unternehmen, die es ernst meinen, eher Chance als Risiko. Wer hier wirklich in Zukunft investiert, wird mit offeneren Vergleichen gut leben können.

Das bedeutet auch, dass sich die Geschäftsmodelle und die Zusammenarbeit ändern. Wie vorbereitet sind Unternehmen auf diese Veränderungen?

Thomas Strobel: Viele Geschäftsmodelle der Zukunft werden stärker interdisziplinär und branchenübergreifend sein. Zahlreiche Wertschöpfungsketten, die wir 2050 sehen, werden nicht mehr in den klassischen Branchengrenzen stattfinden, die wir heute kennen.
Zukunfts-Unternehmen werden sich auf ihre zukünftigen Erfolgsfaktoren konzentrieren und diese gemeinsam mit Partnern in Wertschöpfungsnetzwerken entwickeln. Das erfordert ein Vordenken über viele Jahre: Wie sammeln wir Produkte? Bleiben wir beim „gelben Sack“ voller Mischfraktionen, die aufwendig getrennt werden müssen, oder entwickeln wir lokale Sammelzentren, in denen wertvolle Produkte sortenreiner erfasst und einfacher in Kreisläufe zurückgeführt werden können?

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Es geht nicht nur um eine Veränderung der Geschäftsmodelle, sondern auch um einen generellen Kulturwandel in der Konsumgesellschaft. Wie müsste dieser Wandel aussehen?

Thomas Strobel: Heute geben wir Konsumentinnen und Konsumenten beim Kauf eines Produkts faktisch eine ‚Lizenz zum Wegwerfen‘. Genau hier beginnt das Umdenken. Wir sollten stattdessen eine ‚Lizenz zum Nutzen‘ etablieren. Das heißt, der Schwerpunkt liegt auf der Nutzung über eine bestimmte Zeit und nicht auf dem kurzfristigen Eigentum.

Nach der ersten Nutzungsphase sollte ein Produkt möglichst im Kreislauf bleiben, indem es repariert und weitergenutzt wird oder indem es so zurückgegeben wird, dass der Hersteller die Komponenten und Materialien wiederverwenden kann. Das kann beispielsweise eine kreislauftaugliche Verpackung sein, die zurückgegeben und mehrmals neu befüllt oder recycelt wird.

Dafür sind nicht nur neue Produktdesigns, sondern auch neue Prozesse erforderlich, etwa eine automatisierte Demontage mit Robotik und KI – mit Komponenten, die wir in der Produktion bereits einsetzen. Für Unternehmen aus der Automatisierungs- und Digitalisierungsbranche eröffnet sich hier ein riesiges Gestaltungsfeld.

Obwohl die Folgen der Klimakrise sichtbar sind, hat Nachhaltigkeit durch die vielen Krisen an Bedeutung verloren und ist in der Dringlichkeit auf die hinteren Plätze gerutscht.  Wie macht sich das für Dich bemerkbar?

Thomas Strobel: Ich erlebe im Wesentlichen zwei Gruppen. Die eine Gruppe legt großen Wert auf das Jahr 2050 und die Lebensqualität, die wir bis dahin erreichen wollen. Das sind häufig familiengeführte Unternehmen oder Firmen, die in Generationen denken und langfristig Verantwortung übernehmen. Sie wissen, dass Transformationsprozesse Jahrzehnte dauern können und wollen sie aktiv gestalten.

Oft sind das Unternehmen, die schon einmal eine Transformation bewältigt haben und ahnen, dass der nächste Umbruch bevorsteht. Sie möchten sich frühzeitig orientieren, um genügend Zeit für einen schrittweisen Wandel zu haben.

Die andere Gruppe sind Unternehmen, die vor allem auf kurzfristige Kennzahlen schauen. Sie erfüllen die gesetzlichen Mindestanforderungen und hoffen, damit weiterzukommen. Bei tiefgreifenden Veränderungen ist das jedoch riskant: Wenn eine erfolgreiche, gut geplante Transformation etwa 15 Jahre dauert, dann ist ein Start im Jahr 2040 schlichtweg zu spät, um im Jahr 2050 noch wettbewerbsfähig zu sein. Diese Latenzzeiten werden häufig unterschätzt.

Wenn wir uns die Zukunft vorstellen können, steht ihrer Gestaltung nichts mehr im Weg. In welche Richtung zeigt Dein Zukunftskompass?

Thomas Strobel: Ich habe das Glück, zwei siebenjährige Enkel zu haben. Statistisch gesehen werden sie sehr wahrscheinlich das Jahr 2100 erleben. Dadurch liegt das Jahr 2050 für mich emotional viel näher, denn dann sind die beiden erst Anfang 30.

Ich sehe mich deshalb auch als eine Art „Enkelanwalt“. Ich möchte dazu beitragen, dass der Weg nach 2050 so gestaltet wird, dass sie auch im Jahr 2100 eine hohe Lebensqualität genießen können. Dafür sind bis 2050 spürbare Fortschritte bei Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit notwendig. Die Erde muss in der Lage sein, unseren jährlichen Ressourcenbedarf zu regenerieren. Sonst gefährden wir die Lebensgrundlagen kommender Generationen.

Fotos: Fenwis GmbH