Wo Spannung Leben schafft: Hartmut Rosas Theorie im Spiegel von Trump und Eichmann

von ZukunftsMacher Helmut Scheel

Der Soziologe Hartmut Rosa hat mit seinem neuen Buch „Situation und Konstellation“ einen Nerv der Zeit getroffen. Wenige Tage nach Erscheinen, war die erste Auflage bereits verkauft. Es liegt vermutlich auch daran, dass der Autor sehr anschaulich mit vielen Beispielen ein Problem ausbreitet, das wir alle kennen und damit für viele Menschen auch theoretisch zugänglich macht.

Rosas Nerv der Zeit

Rosa äußert bereits in seinem 2012 erschienen Buch „Weltbeziehung im Zeitalter der Beschleunigung“ die Gefahr des Niedergangs der Demokratie in Bezug auf die soziale Beschleunigung. Er schreibt darin: „Dies macht deutlich, dass Politik durchaus beschleunigungsfähig ist, wenn sie auf Demokratie verzichtet.“ (S.369). Dieser Verzicht ist letztlich die Basis für Trumps schnelles Handeln, dem die demokratischen Prozesse nicht folgen können.

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Antagonistisches Paar: Donald Trump und Adolf Eichmann

Was soll mit diesem Aufsatz gezeigt werden? In den Personen Donald Trump und Adolf Eichmann stehen sich zwei Protagonisten gegenüber, die jeweils in der extremen Ausprägung von „Situation und Konstellation“, im Sinne von Hartmut Rosas, das Handeln und Vollziehen repräsentieren. Beide stellen jeweils einen Pol von widereinander orientierter Lebensausrichtungen dar und markieren damit grundlegende Lebensfeindlichkeit. Dass sie dennoch wichtig sind und es sich lohnt die Hintergründe zu betrachten, soll hier kurz dargelegt werden. Die beiden dienen hier in ihrer Prägnanz als antagonistisches Paar ohne sie gleichzusetzen. Diese Gegenüberstellung zielt nicht auf eine Relativierung des Holocausts, sondern auf strukturelle Analogien in der Resonanzlosigkeit.

Trump: Eskalatives Handeln

Mit dem seit einem Jahr wieder regierenden US-Präsidenten Donald Trump haben wir einen Politiker der sich, wenn möglich, über alle gesetzlichen und rahmenschaffenden Verordnungen und Verträge hinwegsetzt, wenn es seinem Zweck dient. Er kündigt Verträge nach Gusto und erlässt im gleichen Sinne Dekrete, mit denen er die Regeln aushebelt oder übergeht. Er schafft sich damit enorme Freiheiten, welche sich zuvor kein anderer Präsident der USA genommen hat. Im positiven Sinne könnte man ihm Unterstellen, was Rosa in dem Buch „Situation und Konstellation“ wie folgt benennt: „Jeitinho und Jugaad“, sich durch Schlitzohrigkeit die eigenen Spielräume zu erweitern. Diese Spielräume sind im Sinne Rosas wichtig in einer Gesellschaft in der immer mehr geregelt wird durch Gesetze, Verordnungen aber auch durch die Algorithmisierung von Vorgängen. Die digitale Welt kennt eben nur ein binäres System. Diese Enge taugt nicht zu schnellem Handeln, wie Rosa 2012 schrieb. Unsere schnelllebige Zeit, paradoxerweise ebenfalls durch die Digitalisierung hervorgebracht, braucht aber Handlungsfreiheit. Diese erzwingt sich Trump mit seiner Art der Politik. Er treibt die Demokratie an ihre Grenzen und lässt einen autokratischen Stil, ob man ihn noch demokratisch nennen kann, darf bezweifelt werden, in den Vordergrund treten. Letztlich wirkt sein Regierungsstil willkürlich und/oder erratisch. Die Unberechenbarkeit erzeugt in vielen Menschen Unsicherheit und Angst. Diese Unberechenbarkeit ist keine Schwäche, sondern Methode. Machiavelli hätte Trumps Erratik nicht als Chaos, sondern als kalkulierte Destabilisierung gesehen. Wer nicht weiß, was als Nächstes kommt, kann sich nicht organisieren oder Widerstand formieren. Zudem bezieht sich der florentinische Politiktheoretiker, wie man Machiavelli nennen könnte, auf die Tugend virtù. Sie ist die Fähigkeit, situativ und entschlossen zu handeln, die fortuna (das Schicksal/die Umstände) zu meistern. Trumps „situatives Handeln“ ließe sich so als pervertierte Form von virtù lesen. Damit symbolisiert Trump ein Extrem von Rosas Dualismus von Situation/Handeln zu Konstellation/Vollziehen.

Eichmann: Blinder Vollzug

Mit Adolf Eichmann haben wir einen geschichtlichen Antagonisten zu Trump. Eichmann war ein Beamter und damit auch ein Diener des Staates, wie ein Präsident es auch sein sollte, der jedoch im Gegensatz sich ausschließlich auf seine Anordnungen, Vorgaben, Gesetze im Tun berief. Er befolgte alles, was ihm aufgetragen wurde, ohne selbst über die Folgen nachzudenken, geschweige denn zu reflektieren. Er war beauftragt die Logistik für die Massentransporte in die Konzentrations- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten zu steuern. Diese Aufgabe vollzog er sehr gewissenhaft, wobei hier das Wort gewissenhaft bereits die „Banalität des Bösen“ in sich trägt. Für Hannah Arendt war Eichmann, der beteiligt war an Millionen von Menschentötungen, kein Monster, als der er von vielen anderen gesehen wurde, sondern ein gewöhnlicher Beamter, den die Zeit an einen Platz gespült hat, der ihn zu einem Helfershelfer einer Tötungsmaschinerie werden ließ. Er vollzog nur das, was ihm aufgetragen wurde. Die Konstellation ließ ihm keine Wahl. Darauf berief er sich auch während des Prozesses in Jerusalem, der von Arendt im Buch „Eichmann in Jerusalem“ dokumentiert ist und von ihr analysiert wurde.

Tödliche Extreme

Beide Extreme haben eines gemeinsam; sie sind in ihrer Ausprägung tödlich. Während bei Trump die Willkür als Überwindung der Freiheit anderen und anderem, das nicht seinen (Lebens)Vorstellungen entspricht, die Existenzgrundlage raubt, ist es bei einem Eichmann der absolute Gehorsam ohne Hinterfragen. Das brachte Hannah Arendt auf Basis von Kant dazu zu sagen, dass „kein Mensch das Recht hat zu gehorchen“.

Spannung als Energiefeld

Mit Trump und Eichmann wird offensichtlich, dass Leben an den extremen Polen schwierig bis unmöglich ist. Allerdings sind diese Pole, ähnlich jener unserer Erde, welche ebenfalls lebensfeindlich sind, nötig, um auf den Planeten bezogen, durch das magnetische Feld um ihn herum, einen Schutzschild zu erzeugen. Zwischen den Polen Situation und Konstellation bildet sich ein Energiefeld auf Basis der Spannung zwischen beiden. Dieser Widerspruch ist ähnlich dem muskulären System bei Lebewesen. Zu jedem Muskel gibt es einen Gegenspieler; zu jedem Beuger gehört ein Strecker, sonst wäre Leben nicht möglich. So verhält es sich auch mit dem Handeln und Vollziehen. Wir brauchen unsere Grenzen durch Konstellation, um einen Rahmen für unser situatives Handeln zu erhalten. Dadurch entsteht soziale Energie in einer lebensfördernden Art und Weise. Durch das Oszillieren zwischen den Polen wechselt auch die Ausrichtung der sozialen Energie. Häufig deckt sie sich mit dem, was Hartmut Rosa als Resonanz bezeichnet, ist jedoch umfassender. Auch Eva Illouzs Emotionsenergie ist nur ein Teil davon. Leben entsteht in der Spannung zwischen und nicht an den Polen.

Fotos: Wikipedia