Buchtipp: Situation und Konstellation
von Hartmut Rosa
von ZukunftsMacher Helmut Scheel

Ich nehme ein Fazit vorweg. Hartmut Rosas neuestes Werk „Situation und Konstellation – Vom Verschwinden des Spielraums“ ist ein Schlüsselwerk für alle, die sich mit der gesellschaftlichen Situation unserer Zeit und ihrem Werden beschäftigen. Gerade die „nur“ knapp 250 Seiten – gegenüber Rosas Monografien über Beschleunigung und Resonanz – lassen keine umfassende Ausformulierung des Themas zu. Dafür zeigt der Jenaer Soziologe viele Schlüssel auf, die in die Türen zentraler Problembereiche unserer Gesellschaft passen können.
Roter Faden durch das Buch
Der Autor stellt in diesem Buch die Situation der Konstellation gegenüber. Doch was meint er damit? Als Situation betrachtet er jene Momente und Zeiten, in denen der Mensch nach eigenen Impulsen handeln kann. Er ist frei in seinen Handlungen. Dem stehen Konstellationen gegenüber, die durch Regeln, Gesetze oder Anweisungen dem Menschen nur ein Vollziehen erlauben. Um diese Unterschiede deutlich zu machen, nutzt Rosa lebensnahe Beispiele, die er erzählerisch einfließen lässt und die ihn als roten Faden durch das Buch begleiten.
Eines dieser Beispiele ist ein Kind aus einer finanziell schwachen Familie, das auf einen Burger einer Fast-Food-Kette gespart hat. Als es endlich genügend Geld beisammenhatte, kaufte es sich erwartungsvoll das ersehnte Stück. Doch beim Auspacken fiel es zu Boden und jemand trat unbeabsichtigt darauf. Das Kind war tieftraurig, und der Angestellte hinter dem Tresen nahm dies wahr. Seine Frage: Gibt er dem Kind einen neuen Burger? Die Regeln der Fast-Food-Kette erlauben ihm dies nicht. Die Regeln zwingen ihn zum Vollzug seiner Arbeit entsprechend den Vorgaben. Die Konstellation seines Arbeitsplatzes lässt ein Abweichen von den Anordnungen nicht zu. Der Angestellte sieht jedoch die große Enttäuschung des Kindes, ohne deren Ursache zu kennen. Würde er nach seinem inneren Drang handeln, könnte er der Situation, die er wahrnimmt, gerecht werden.
Eine Maschine ohne Emotionen
Weitere Beispiele betreffen etwa eine Ärztin oder einen Polizisten. Rosa erläutert an ihnen unsere gesellschaftliche Entwicklung, die aufzeigt, dass wir immer stärker durch Regeln durchs Leben geführt werden. Diese Regeln und Gesetze führen zu einer Form von Gerechtigkeit, weil sie klare Leitplanken liefern, innerhalb derer nur Vollzug erlaubt ist. Der Vollziehende kann sich bei der Erfüllung seiner Aufgaben darauf berufen, sich nichts zuschulden kommen gelassen zu haben, da er sich an die Vorgaben gehalten hat. Diese Passagen erinnern an Hannah Arendts Buch „Eichmann in Jerusalem“, ohne dass Rosa es explizit erwähnt. Hier liegt ein Vollziehen von Anordnungen vor, das auch eine Maschine – ohne Gefühle und Emotionen – erledigen könnte. Die Digitalisierung unseres Lebens ist auf derartige binäre Entscheidungen angewiesen.
Willkürliches Handeln von Trump und Musk
Auf der anderen Seite nimmt der Autor Trump und Musk als Gegenbeispiele in den Blick. Diese halten sich nicht mehr an Regeln und nutzen jede Situation zum Handeln, da ihnen Gesetze und internationale Verträge gleichgültig sind. Damit eröffnen sie sich einen großen Handlungsspielraum, und die Folgen dieses – Rosa benennt es nicht so – willkürlichen Handelns bekommen viele Menschen zu spüren.
Damit ist der Spannungsbogen von Situation und Konstellation, von Handeln und Vollziehen aufgezeigt. Beim Lesen fallen einem zahlreiche weitere Beispiele aus dem eigenen Leben ein. Man fühlt sich in der extremen Ausprägung beider Seiten in ein Dilemma versetzt, das unauflöslich erscheint. Im letzten Kapitel versucht Rosa, dieses aufzulösen. Er nutzt dafür zwei Begriffe aus Indien und Brasilien: Jugaad und Jeitinho. Diese besagen, dass man alle verfügbaren Möglichkeiten nutzen soll, um das Bestmögliche zu erreichen. Im Deutschen würde ich dies als „schlitzohrig“ bezeichnen.
Wichtig ist Rosa zudem der innere Antrieb, den er auf Emotionen zurückführt. Hier nimmt er Bezug auf Eva Illouz und ihr Werk „Explosive Moderne“. Dabei greift er einen Begriff auf, den er bereits vor einigen Jahren mit „sozialer Energie“ geprägt hat. Er bezieht sich auf ein Zeit-Interview aus dem Jahr 2024, in dem er die Frage stellte: „Was ist das überhaupt, Energie, wenn es sich nicht um ein physikalisches Phänomen handelt?“
Diese Frage beantwortet er in diesem Werk selbst:
„Inzwischen scheint sich mir eine Antwort abzuzeichnen: Die anfängliche Energielosigkeit war das Ergebnis eines vollzogenen Tages. Energie getankt haben wir, wenn wir uns von Vollziehenden wieder zu Handelnden verwandeln konnten.“
Passend dazu steht auf der Rückseite des Buches, sozusagen abschließend und zusammenfassend:
„Nur wo wir handeln, fühlen wir uns lebendig, und nur im Handeln gewinnen wir soziale Energie.“
Das Buch mit vielen Anregungen zum Weiterdenken
Für mich ist es das bisher beste Buch von Hartmut Rosa, da es unendlich viele Anregungen zum eigenen Weiterdenken liefert. Es ist erzählerisch lebendig und inhaltlich kompakt. Wer sich Gedanken über unsere Gesellschaft macht und Anregungen für eigene Lösungen sucht, dem würde etwas fehlen, sollte er oder sie dieses Buch nicht lesen.
Fotos: Suhrkamp Verlag
Buchtipp
Situation und Konstellation | Vom Verschwinden des Spielraums
Hartmut Rosa
Suhrkamp Verlag
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