Vera Brandes über Klimarisiken, Chancen und die Rolle der Stadtsparkasse Düsseldorf

Vera Brandes über Klimarisiken, Chancen und die Rolle der Stadtsparkasse Düsseldorf

Vera Brandes ist bei der Stadtsparkasse Düsseldorf die Ansprechpartnerin für Fragen zu den Themen Nachhaltigkeit und Transformation. Im Gespräch mit Elita Wiegand erklärt sie, warum der Begriff „Nachhaltigkeit” oft missverstanden wird, welche Branchen beispielsweise besonderen Nachholbedarf haben und was es mit dem Kompetenzzentrum ProEco Rheinland auf sich hat.

Was genau beinhaltet Deine Arbeit als Nachhaltigkeitsmanagerin?

Vera Brandes: Im Wesentlichen koordiniert unser kleines Nachhaltigkeits-Team alles, was Nachhaltigkeit betrifft, quer durchs Haus und für alle Geschäftsbereiche. Die Themen, mit denen wir uns beschäftigen, betreffen die Risiken, die durch die starken Veränderungen in Umwelt und Gesellschaft neu entstehen, aber auch die Chancen, die sich hier ergeben. Nachhaltigkeits- und Klimarisiken sind außerdem Bestandteil regulatorischer Anforderungen an Banken. Der Rechtsrahmen verändert sich immer wieder und einige Berichtspflichten wurden auf EU-Ebene sogar wieder vereinfacht. Unsere Aufgabe ist deshalb nicht nur, neue Anforderungen umzusetzen, sondern auch laufend zu prüfen, was für uns und unsere Kunden tatsächlich relevant ist. Das betrifft sämtliche Geschäftsbereiche und erfordert eine koordinierende Stelle.

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Vera Brandes

Du hast die Beratung von Firmen- und Immobilienkunden angesprochen. Dafür gibt es ein eigenes Kompetenzzentrum: ProEco Rheinland. Was verbirgt sich dahinter?

Vera Brandes: Wenn wir unsere Kunden auf das Thema ansprechen, folgt unweigerlich ein Beratungsbedarf, der über das reine Banking hinausgeht. Wenn wir beispielsweise einen Immobilienbesitzer darauf hinweisen, dass bei seiner Immobilie eine Energieeffizienzklasse F auf einen vergleichsweise hohen Energiebedarf hindeutet und eine Energieberatung erhebliche Einsparpotenziale aufzeigen kann, dann muss sich hier die passende Beratung anschließen. Diese optimalerweise inklusive Erstellung eines individuellen Sanierungsfahrplans. Denn: unsere Kunden möchten wissen, wie sie am sinnvollsten vorgehen, um Fördermittel zu erhalten, die wir am Ende finanzieren können.

Für genau diesen Zwischenschritt, also die Nicht-Banking-Beratung, wurde mit der ProEco Rheinland ein Kompetenzzentrum ins Leben gerufen. Sie bündelt dieses Spezialwissen für die rheinischen Sparkassen und unterstützt Firmenkunden und Immobilienbesitzer mit Beratungen rund um die nachhaltige Transformation.

Wie sieht diese Beratung für Firmenkunden konkret aus?

Vera Brandes: Da die Herausforderungen sehr vielfältig sein können, ist es zu allererst wichtig, dass jeder Kunde je nach Branche seinen Blick dafür schärft, wo die Knackpunkte liegen. Dafür bieten wir einen ESG-Check an, mit dem die relevanten Bereiche pro Branche beleuchtet werden. Dazu gehören zum einen CO₂-Emissionen und Wasserverbrauch aus dem Umweltbereich, aber auch soziale Faktoren wie der Gender Pay Gap oder geringfügige Beschäftigung in der Branche. Mit individuellen Unternehmensdaten können wir relevante ESG-Risikofelder noch genauer identifizieren und priorisieren. Eine Treibhausgasbilanz zeigt zusätzlich, in welchen Bereichen besonders viele Emissionen entstehen und wo sich eine genauere Prüfung von Reduktionsmöglichkeiten lohnt. Hier kommt dann wieder die ProEco ins Spiel. Das kann mit individueller Nachhaltigkeits- und Zuschussberatung sein oder der Erstellung einer Treibhausgasbilanz. Zusätzlich beraten wir zu Fördermitteln, die die Transformation unterstützen können.

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In der aktuellen Krisensituation ist Nachhaltigkeit für viele Unternehmen in den Hintergrund gerückt. Mit welchen Anliegen kommen Kunden zur Stadtsparkasse Düsseldorf?

Vera Brandes: Nach „Nachhaltigkeit“ fragt nach meinem Kenntnisstand kaum einer direkt. Manche stellen sich auch darunter vor, das Dach zu begrünen oder ein Bienenhotel aufzustellen. Dabei geht es im Wesentlichen darum, dass sich Unternehmen, und auch Immobilienbesitzer, langfristig und zukunftsfest aufstellen. Und da gibt es dann schon Schnittmengen zu den angefragten Themen.

Für ein Unternehmen kann das beispielsweise sein, die eigene Energieversorgung zu kalkulierbaren Preisen langfristig zu sichern, indem erneuerbare Energien eingebunden oder kreative Lösungen genutzt werden. Ein schönes Beispiel ist ein Gewerbepark in der Nähe, in dem die Abwärme eines Unternehmens zum Heizen der anderen genutzt wird. Wichtig ist, dass man sich überhaupt damit befasst und offen für neue Lösungen ist.

In den Finanzierungsprozess fließt das Thema dann spätestens ein, weil wir die Anfragen und die Unternehmen auf Nachhaltigkeitsrisiken prüfen müssen. Hierdurch kann weiteres Potenzial für Verbesserungen aufgedeckt werden.

Vermutlich argumentieren viele Kunden, dass sich Nachhaltigkeit nicht rechnet. Was sagst Du den Kritikern?

Vera Brandes: Ob sich beispielsweise eine Investition in eine nachhaltigere Alternative rechnet, lässt sich nicht allein am Kaufpreis entscheiden. Entscheidend sind die Kosten über die gesamte Nutzungsdauer: Anschaffung, Energie, Rohstoffe, Wartung und gegebenenfalls CO₂-Kosten. Eine emissionsärmere Maschine kann dadurch wirtschaftlicher sein; muss es aber nicht. Das sollte im Einzelfall gerechnet werden.

Zusätzlich können Erwartungen zu mittel- bis langfristigen Entwicklungen hinsichtlich Preisen, Regulatorik, Lieferkette und Nachfrage hineinspielen. Genau hier sehe ich den Unterschied. Betrachte ich nur den Moment oder die Zukunft?

In diesem Hitzesommer haben wir die Folgen des Klimawandels drastisch erlebt: Viele Tote, wirtschaftliche Einbußen durch Niedrigwasser auf dem Rhein und die Waldbrände. Ist den Unternehmerinnen und Unternehmern bewusst, was auf sie zukommt?

Vera Brandes: Nach meiner Erfahrung ist vielen Unternehmerinnen und Unternehmern im Jahr 2026 bewusst, dass der Klimawandel zusätzliche Risiken mit sich bringt und dass sie sich darauf vorbereiten müssen. Da kommen wir aber an das Problem mit dem Wettbewerb: Unternehmer, die den Eindruck haben, sie seien die einzigen, die nicht nur Klimaanpassungs- sondern auch Klimaschutz-Maßnahmen ergreifen, äußerten die Sorge, Nachteile im Wettbewerb zu erleiden, etwa durch hohe Investitionen und den hiermit verbundenen Kosten.

Deshalb sind stabile politische Rahmenbedingungen so wichtig. Wenn ich in etwas investiere, das sich nicht in drei Jahren, sondern erst über einen längeren Zeitraum amortisiert, muss ich auch in die Zukunft planen können. Wenn ich diese Rechnung aber alle drei Monate über den Haufen werfen muss, kann ich verstehen, wenn Unternehmen die konservative Variante wählen, weil die Parameter dort bekannter sind. Es braucht also eine politische Verlässlichkeit, das Gefühl, dass Investitionen auch wirklich planbar sind.

So brauchen Unternehmen zum Beispiel möglichst verlässliche CO₂-Preissignale. Wenn Zeitpläne oder Rahmenbedingungen dauernd verändert werden, wie beim Übergang zum europäischen Emissionshandel, kann das Wirtschaftlichkeitsrechnungen beeinflussen. Wer bereits investiert hat, hat seine Entscheidung möglicherweise unter anderen Annahmen getroffen.

Solche Veränderungen schaffen Unsicherheit und hemmen Investitionen.

Du hattest auch das Beispiel der Krankenhäuser genannt, eine Branche mit besonders viel Nachholbedarf. Was genau meinst Du damit?

Vera Brandes: Viele Krankenhäuser stehen wirtschaftlich sehr unter Druck; zugleich besteht seit Jahren eine große Lücke bei der Investitionsfinanzierung. In diesem Sommer war immer wieder zu lesen, dass Krankenhäuser für eine Klimatisierung sorgen müssen, damit ihre Patienten nicht zusätzlich unter der Hitze leiden. Ein weiterer Punkt auf der langen Investitionsliste. Hinzu kommen in dieser Branche besondere Herausforderungen bei Gefahrstoffen, zum Beispiel aus Desinfektionsmitteln und Narkosegasen, und hohen Abfallmengen durch den besonders hohen Einsatz von Einwegprodukten.

Aber auch hier gibt es durchaus gute Best-Practice-Beispiele. Gerade in NRW gibt es mit ZUKE Green ein gutes Netzwerk zu Nachhaltigkeit in Krankenhäusern, und mit Startups wie beispielsweise CIRCULARMED Anbieter, die helfen, anfallende Abfälle bestmöglich zu managen. Heißt: wo möglich zu vermeiden und sonst zu verwerten, und so versprechen, die Abfallkosten für Krankenhäuser zu senken. Eine Win-Win-Situation. Es müssen allerdings die Anbieter und die Nutzer der Angebote zusammenkommen.

Das zeigt: Nachhaltigkeit ist ein großes Kommunikations- und Vernetzungsthema. Es ist ein Puzzle aus unfassbar vielen Teilen. Es gibt gute Lösungen, aber viele kommen nicht oder nur zu langsam in die Umsetzung.

Und auch wenn neue Technologien eingesetzt werden sollen, braucht es stabile Rahmenbedingungen und Sicherheit.

Gerade im Baubereich sind die Emissionen in der Immobilienbranche sehr hoch. Wie schwierig ist es, dort etwas zu verändern?

Vera Brandes: Zunächst muss zwischen Bau und Betrieb von Immobilien unterschieden werden. Die Baubranche ist ein Spezialfall: Hier ist es wichtig, dass Bauträger und alle, die Immobilien bauen, auf möglichst nachhaltiges Bauen achten. Auch das ist wiederum ein Kommunikations- und Wissensthema.

Der andere Teil betrifft den Betrieb von Immobilien und die Sanierung unseres im Schnitt sehr alten Immobilienbestands in Deutschland. Auch hier gibt es viele Vorurteile. Ich höre zum Beispiel immer wieder die Behauptung, eine Wärmepumpe funktioniere nur nach einer Komplettdämmung. Verbunden mit teilweise abenteuerlichen pauschalen Rechnungen zur Amortisationszeit. Beides lässt sich so allgemein nicht sagen.

Experten sagen ausdrücklich, dass Wärmepumpen auch im Altbau effizient arbeiten können. Entscheidend sind unter anderem Heizflächen und die richtige Dimensionierung – und vor allem eine individuelle Betrachtung des Einzelfalls.

Deshalb ist gute Kommunikation so wichtig, damit das jeweils aktuelle Wissen die richtigen Personen erreicht und Entscheidungen nicht auf falscher Informationsbasis getroffen werden. Wenn etwas auch nach über 15 Jahren und unter Berücksichtigung aller weiterer Aspekte die schlechtere Alternative bleibt und deshalb nicht umgesetzt wird, kann ich das verstehen. Wenn jedoch eine Entscheidung auf Basis falscher Informationen getroffen wird, finde ich das bitter. Deshalb ist es so wichtig, über dieses Thema zu reden und Informationen zu verbreiten.

Was wünschst Du für die Zukunft Düsseldorfs in Bezug auf Nachhaltigkeit und Transformation?

Vera Brandes: Weil ich tief in dem Thema bin und in Düsseldorf gut vernetzt bin, habe ich das Glück, zu sehen, wie viel sich tut und wie viele Unternehmerinnen und Unternehmer den Schritt wagen. Dadurch habe ich auch einen positiven Blick auf die Dinge. Ich wünsche mir, dass dies Schule macht, sodass diese Themen den Kipppunkt erreichen und zur Normalität werden. Es muss normal werden, sich mit den Folgen des Klimawandels und den möglichen und nötigen Anpassungen für Unternehmen und Immobilienbesitzer auseinanderzusetzen.