Hartmut Rosa: Resonanz und soziale Energie
Über Schlüsselbegriffe der Kritischen Theorie
Eine Buchbesprechung von Helmut Scheel
Ein kleines Buch mit großem Anspruch

Vor drei Jahren sprach Hartmut Rosa erstmals über seinen Denkansatz der „sozialen Energie“, unter anderem in einem Vortrag mit dem Titel „Brauchen wir ein Konzept sozialer Energie?“ in Berlin. Nun hat er einen ersten Versuch unternommen, diesen Leitgedanken auszuarbeiten. Entstanden ist ein im Format kleines, inhaltlich deutlich größeres Buch mit knapp über 200 Seiten.
Vorweg eine Besonderheit: Der von Michael Kühnlein herausgegebene Band enthält ein sehr ausführliches Nachwort, das Rosas beide Teile interpretiert und auslegt. Für mich ist es eine ungewöhnliche Form eines Sachbuches, das gleich ein Framing mitliefert, wie Rosas Hauptteil zu verstehen sei.
Teil 1: Die Resonanz noch einmal
Im ersten Teil, „Resonanz – was will die Soziologie der Weltbeziehung?“, greift Rosa seine Resonanztheorie wieder auf. Sie hat, wie Kühnlein im Nachwort betont, in kürzester Zeit verschiedene wissenschaftliche Bereiche durchdrungen. Offen erläutert Rosa die Weiterentwicklungen seit dem Erscheinen der „Resonanz“ vor zehn Jahren. Die Resonanztheorie fußt auf seinem ersten großen Werk zur Beschleunigung und führt von der Verfügbarmachung der Weltreichweite hin zu Resonanz und Anverwandlung.
Begriffe wie der „rasende Stillstand“, mit dem der Status quo erhalten wird, werden ebenso erläutert wie die Unverfügbarkeit. Sie steht im Gegensatz zur Planbarkeit, auf die moderne Gesellschaften zu ihrer Stabilisierung angewiesen sind. Und doch ist gerade das, was sich dem Zugriff entzieht, die Bedingung dafür, dass Resonanz gelingt. Auf knapp 60 Seiten lässt sich diese Themenbreite nur anreißen. In der Summe der Werke von Rosa und anderen Autorinnen und Autoren, die das Thema aufgegriffen haben, füllt sie weit über tausend Seiten. Der Teil wirkt deshalb eher auffrischend und wiederholend für jene, die sich bereits mit Rosas Gedankenwelt auseinandergesetzt haben.
Teil 2: Soziale Energie als Weiterentwicklung
Der zweite Teil, „Soziale Energie – das fehlende Bindeglied der Kritischen Theorie?“, zeigt schon in der Überschrift, welches Potenzial Hartmut Rosa in diesem Themenkomplex sieht. Mutig legt er dar, wie er zu dieser Fragestellung kommt, und definiert damit zugleich Herausforderung und Zielsetzung. Der Parcoursritt führt über die Kritische Theorie, das Kapital und die soziale Beschleunigung zur doppelten Energiekrise der Spätmoderne und weiter zur energetischen Seite von Entfremdung und Resonanz.
Rosa spart auch die Bedenken nicht aus, dass der Begriff esoterisch klingen könne. Ihm geht es um das Dazwischen, das er im vorletzten Abschnitt „mediopassiv“ nennt: etwas, das weder aktiv noch passiv ist und dennoch wirkt. Sein Beispiel ist das Verlieben. Es geschieht ohne eigenes Zutun, und doch sind wir nicht bloß passiv. Es weckt eine Energie, die zuvor nicht zur Verfügung stand. An mehreren Stellen betont der Soziologe, der zum Thema in Jena eine Forschungsgruppe eingerichtet hat, dass noch viele Fragen offen sind und er sich in einem nächsten großen Werk ausführlich damit befassen will.
Das Korsett der Kritischen Theorie
Hartmut Rosa beleuchtet die soziale Energie hauptsächlich aus kapitalistischen und kritisch-theoretischen Gesichtspunkten und setzt sich damit selbst Grenzen. Für ein so kleines Büchlein ist das sinnvoll und nützlich. Beim Lesen spürt man jedoch, dass diese Begrenzung wie ein Korsett wirkt und dem Thema die Luft nimmt, die es zur Entfaltung bräuchte.
Besonders auffällig ist die Naturbeziehung. In seinen Resonanzwerken ist sie eine eigene Resonanzsphäre. Bei der sozialen Energie kommt sie kaum vor, obwohl wir nach Spaziergängen in der Natur ganz selbstverständlich vom „Auftanken“ sprechen. Natur und Kosmos erscheinen hier als Analogien und Metaphern, aber nicht als Orte, an denen soziale Energie entsteht. Das ist schade, denn Rosas Denken ist eine „Weltbeziehung“ und kann schon deshalb nicht beim menschlichen Sozialen enden.
Fazit
Das kleine, große Büchlein gibt interessierten Leserinnen und Lesern einen Einblick in die Entwicklung von Hartmut Rosa, einem der prägendsten Soziologen unserer Zeit. Die ersten ausführlicheren Andeutungen zur sozialen Energie machen nachvollziehbar, wie groß und weit dieses Themenfeld ist. Rosa betont immer wieder seinen soziologischen Arbeitsrahmen, der seine Grenzen absteckt. Zugleich öffnet er den Blick mit Bildern aus Natur und Kosmos.
Für mich ist diese Gedankenreise zu eng geblieben, wenn auch dem Umfang geschuldet, denn sie konzentriert sich stark auf Kapitalismuskritik und kritische Theorie. Das Potenzial, das Rosa eröffnet, reicht weit darüber hinaus, bis in die Naturbeziehung, die er in anderen Werken längst mitdenkt. Von ihm und anderen dürfen wir zu den Inhalten und Wirkungsweisen der sozialen Energie noch vieles erwarten.


