Wie Gespräche über den Klimawandel gelingen können

Wie Gespräche über den Klimawandel gelingen können

Wer sich für den Klimaschutz engagiert, kennt das: Man hat die besten Argumente, kann sie in Gesprächen aber nicht einbringen. Eine Arbeitsgemeinschaft der Psychologist/Psychotherapists for Future (Psy4F) hat dafür das Kartenset „Sag mal ehrlich“ entwickelt. Am 4. November 2026 veranstalten wir im Düsseldorfer Salzmannbau mit Birgit Melles und Johannes Heisterkamp von Psy4F Düsseldorf/Neuss einen Abend zu diesem Thema. Vorab hat Elita Wiegand mit Birgit Melles darüber gesprochen, was in Klimagesprächen schief läuft und wie man eine bessere Kommunikation üben kann.

portrait Wie Gespräche über den Klimawandel gelingen können

Birgit Melles

In der Klimakommunikation ist einiges schiefgelaufen. Verbote, Verzicht und moralische Appelle haben viele Menschen abgeschreckt. Du bist bei „Psychologists for Future“ aktiv. Was hat dich alarmiert?

Birgit Melles: Lange herrschte die Vorstellung: Wenn wir nur genügend Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln, verändert sich auch das Verhalten. Aber Informationen allein reichen nicht. Gerade in Krisenzeiten haben viele Menschen Ängste. Da kann es schnell passieren, dass sie sich überfordert fühlen oder uns als abgehoben, belehrend oder moralisierend wahrnehmen, wenn wir sie dann auch noch mit klimapolitischen Inhalten bombardieren.

Eine gelingende Kommunikation auf Augenhöhe ist wichtig, auch um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Um die Kommunikation positiv zu verändern, habt Ihr das Kartenset „Sag mal ehrlich“entwickelt. Was verbirgt sich dahinter?

Birgit Melles: Wir wollten etwas schaffen, das Menschen dazu bringt, schwierige Gespräche tatsächlich zu üben. Es ist wie beim Schwimmenlernen: Trockenübungen allein helfen nicht, ein Grundwissen brauche ich trotzdem. Irgendwann muss man aber ins Wasser. Das Kartenset ist dann so etwas wie ein Rettungsring, den wir den Übenden zuwerfen.

Wir haben drei Schwerpunkte herausgearbeitet:

  1. Stressregulation: Wie beruhige ich mich, wenn ich merke, dass ich zu angespannt bin, um noch klar zu denken?
  2. Beziehungsregulation: Wie finde ich die Balance zwischen „Ich“ und „Wir“?
  3. Informationen: Was muss ich über Narrative, Verzögerungstaktiken, Falschinformationen und Pseudoxperten wissen? Das verunsichert in Gesprächen am meisten.

Dazu gibt es ein Informationsheft und ein Kartenset, mit dem Rollenspiele geübt werden können.

Wie genau läuft das Üben ab?

Birgit Melles: Wir haben Situationskarten entwickelt, damit man schnell ins Üben kommt. Ein Beispiel: Eine Kollegin kommt von einer Kreuzfahrt zurück und berichtet im Team begeistert von ihren Erlebnissen. Eine andere Person spielt eine klimaengagierte Person. Diese Person gönnt ihr die schöne Erfahrung, merkt aber auch: Wenn alle zuhören, buchen vielleicht bald alle so eine Reise. Und sie möchte sagen: „Leute, so geht das nicht. Denkt an die Klimafolgen!“

Wer diese Rolle übernimmt, kann zwischendurch Hilfe erhalten. Wenn jemand sagt: „Ich merke, ich bin angespannt“ oder „Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll“, kann eine Person, die das Gespräch beobachtet, eine Karte mit einem Kommunikationstipp oder einer Stressregulationsmethode vorlesen. Danach machen wir eine Pause und besprechen in der Gruppe, wie das Gespräch gewirkt hat und was man anders machen könnte. Wir spielen dann die Szene noch einmal und haben so eine zweite Chance.

Welche typischen Fehler passieren in solchen Gesprächen?

Birgit Melles: Häufig sind wir aufgeregt, weil uns das Thema wichtig ist. Auf der einen Seite sitzt ein Mensch, dem der Klimawandel am Herzen liegt, der viel weiß und sich einsetzen möchte. Auf der anderen Seite sitzt vielleicht jemand, der mit all dem überfordert ist und gar nicht darüber sprechen möchte. Je mehr die erste Person ihr Anliegen vorantreibt, desto aufgeregter, bedrängender, moralisierender und belehrender wird sie vielleicht. Eine mögliche Reaktion der anderen Person könnte sein, dass sie sich immer mehr zurückzieht. Und je mehr sich die andere Person entzieht, desto mehr bedrängt dann vermutlich die andere. So entsteht ein Teufelskreis.

Was passiert da im Kopf?

Birgit Melles: Wenn Emotionen auftauchen und die Anspannung sehr hoch ist, können wir nicht mehr klar denken. Der Frontalkortex, der vordere Teil unseres Gehirns, in dem wir Gefühle regulieren und klar denken, setzt zunehmend aus. Dann werde ich beispielsweise sehr wütend oder ängstlich und reagiere anders als sonst. Hinterher frage ich mich: Warum habe ich das schon wieder gesagt? Solche Gespräche enden im Extremfall im Streit. Und das Gegenüber ist dann oft schon auf Angriff oder Abwehr eingestellt. Dann findet kein Gespräch mehr statt, in dem man sich annähert, versteht oder über das nachdenkt, was der andere sagt.

Du hast von der Balance zwischen „Ich“ und „Wir“ gesprochen. Was meinst du damit?

Birgit Melles: Dieser Gedanke stammt aus der Psychotherapie. Ich brauche eine gute Beziehung zu mir selbst, zu meinen Anliegen und Argumenten. Das ist mein „Ich“, meine autonome, selbstbehauptende Seite. Aber ich muss auch mein Gegenüber im Blick haben. Gespräche brauchen auch ein „Wir“ in dem mein „Ich“ und die andere Person –  das „Du“ – nebeneinander Platz haben. Es geht um die Balance zwischen dieser Bindungssebene, dem „Wir“ und der Selbstbehauptungsebene, dem „Ich“, das heißt, mir als unabhängiger Person mit meinen Werten und Vorstellungen.

Dabei gibt es zwei Übertreibungen. Bei der ersten gehe ich zu sehr in die Ich-Perspektive und überflute den anderen mit meinen Anliegen und Forderungen. Bei der zweiten gehe ich zu sehr in die Bindung, versuche nur noch zu verstehen und zu beschwichtigen: Aus dem „Ich und du” wird dann nur noch ein „du”. Vielleicht sage ich dann gar nichts mehr, um die andere Person nicht zu verärgern. In beiden Fällen kippt das Gespräch.

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Welche Erfahrungen habt ihr bisher mit dem Kartenset gemacht?

Birgit Melles: Wir sind im Augenblick noch in der Erprobungsphase, die Erfahrungen sind bislang gut. Es braucht jedoch einen Rahmen, damit sich die Menschen trauen, Rollenspiele zu machen. Das ist eine kleine Hürde, besonders wenn man sich nicht so gut kennt. Deshalb sagen wir von Anfang an: Wir müssen das alle immer und immer wieder üben, auch wir als Vortragende. Obwohl wir dieses Manual entwickelt haben und einiges über Kommunikation wissen, machen auch wir immer wieder Fehler. Auch bei uns geht manchmal die Wut mit uns durch oder wir sagen nichts, weil wir uns gerade nicht trauen. Wir reden deshalb auch über persönliche Erfahrungen und beginnen mit lockeren Gruppenübungen, um die Hemmschwelle zu senken.

Was ist Deine Hoffnung? Was müsste sich in unserer gesellschaftlichen Debatte verändern?

Birgit Melles: Ich wünsche mir, dass sich wieder mehr Menschen trauen, über die Klimakrise zu sprechen. Untersuchungen zeigen, dass sich die Mehrheit der deutschen und der Weltbevölkerung mehr Klimaschutz wünscht. Viele wären auch bereit, persönliche Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Das wird oft unterschätzt. Viele glauben, sie seien in der Minderheit, aber das stimmt nicht: Wir sind in der Mehrheit. Wir brauchen vor allem mehr Gespräche. So könnte das Thema wieder dorthin rücken, wo es hingehört: ganz nach oben, denn wir müssen dringend etwas verändern.

Workshop

Workshop

Wir müssen reden! Über eine gelingende Klimakommunikation

Mittwoch, 4. November 2026, von 18.30 bis 21.00 Uhr

Bürgerhaus Salzmannbau  
Himmelgeister Str. 107h, 40225 Düsseldorf

Der Eintritt ist kostenlos. 

Die Anzahl der Gäste ist auf 40 Personen begrenzt.

Deshalb bitten wir um Anmeldung: buergerhaussalzmannbau@duesseldorf.de