Digitale Teilhabe darf keine Frage des Alters sein
Interview mit Erwin Knebel, Initiator der Digitalpaten NRW
Digitale Teilhabe entscheidet heute darüber, ob Menschen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können oder abgehängt werden. Die Initiative „Digitalpaten NRW“ setzt genau hier an. Elita Wiegand hat mit dem Initiator Erwin Knebel über Herausforderungen, Motivation und strukturelle Lücken gesprochen.
Was genau verbirgt sich hinter den Digitalpaten NRW?
Erwin Knebel: Die Digitalpaten NRW sind eine Initiative der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher (AGV) im Kreis Mettmann, die älteren Menschen den Zugang zur digitalen Welt erleichtert. Wir unterstützen konkret bei Fragen rund um Internet, Smartphone oder PC und helfen dabei, digitale Geräte sinnvoll zu nutzen. Gleichzeitig setzen wir uns dafür ein, dass Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass ältere Menschen nicht abgehängt werden.
Ein Beispiel aus der Praxis: Während der Pandemie öffnete ein Freibad in Hilden, das die Stadtwerke betreiben, nur noch für Besucherinnen und Besucher, die ihr Ticket online kauften. Für viele ältere Menschen war das eine unüberwindbare Hürde. Wir haben uns dafür bei den Stadtwerken eingesetzt, auch für ältere Menschen Notlösungen anzubieten, für die, die nicht ins Internet können. Gleichzeitig haben wir geholfen, digitale Kompetenzen aufzubauen. Denn beides gehört zusammen: Menschen befähigen und Systeme inklusiver gestalten.
Das war die Geburtsstunde der Digitalpaten.
Wie sind die Digitalpaten organisiert?
Erwin Knebel: Die AGV ist ein gemeinnütziger Verein mit aktuell rund 105 Ehrenamtlichen bei den Digitalpaten. Etwa 40 Prozent von ihnen haben beruflich im IT- oder Technikbereich gearbeitet. Wir verstehen uns als digitale Nachbarschaftshilfe. Im Kreis Mettmann sind wir in neun von zehn Städten mit lokalen Gruppen vertreten. Zu Beginn haben uns täglich zahlreiche Menschen kontaktiert, überwiegend Frauen, oft nach einschneidenden Lebenssituationen. Viele standen plötzlich vor Geräten, die zuvor der Partner bedient hatte, und wussten nicht weiter. Genau hier setzen wir an: Wir helfen dabei, Kompetenzen aufzubauen und Sicherheit im Umgang mit digitaler Technik zu gewinnen.
Mit welchen Fragen kommen ältere Menschen zu Ihnen?
Erwin Knebel: Ein zentrales Thema ist Sprache. Ich bin jetzt 76 Jahre alt, bin in den 50er Jahren aufgewachsen und habe die Volksschule, wie es damals hieß, besucht. Englisch spielte in der Schulausbildung keine Rolle. Ich bin dann anschließend in die Realschule gekommen und dann gab es, zwei, drei Stunden in der Woche Englisch. Das heißt, meine Englischkenntnisse sind gering. Wie mir, geht es vielen Senioren, denn das Internet ist von englischen Begriffen geprägt und das wird schnell zur Barriere.
Hinzu kommt: Viele haben überhaupt keinen Bezug zur digitalen Welt, weil sie ihr Leben lang gut ohne sie ausgekommen sind. Das führt zu einer Art „modernem Analphabetismus“. Es fehlt nicht an der Lernfähigkeit, sondern an Zugang und Übung. Ein Beispiel: Vier ältere Damen kamen zu uns. Denen habe ich versucht beizubringen, wie man ein Samsung-Smartphone bedient. Und das Einzige, was sie wollten, war WhatsApp, weil es ihre Motivation war, mit ihren Enkeln in Kontakt zu kommen. Alles andere interessierte die nicht. Also wie man im Internet einkauft, wie Amazon funktioniert, wie man online Zeitung lesen kann oder Tipps für Veranstaltungen erhält, kippt hinten rüber. Wir erleben, dass Motivation dann entsteht, wenn man einen konkreten Nutzen erkennt. Wer keinen persönlichen Mehrwert sieht, wird sich schwertun zu lernen und neue Schritte zu probieren.
Wo erleben Sie zusätzlich die digitale Ausgrenzung?
Erwin Knebel: Im Grunde in fast allen Lebensbereichen. Arzttermine werden zunehmend online vergeben, Tickets gibt es oft nur noch digital, der öffentliche Nahverkehr funktioniert überwiegend über Apps. Bei der Stadt gibt es diverse Online-Angebote. Doch gleichzeitig verschwinden persönliche Ansprechpartner. Besonders problematisch ist, dass viele Systeme voraussetzen, dass Nutzerinnen und Nutzer bereits digital kompetent sind. Cookie-Banner, Chatbots oder Online-Formulare sind für viele ältere Menschen schwer verständlich. Gerade im Gesundheitsbereich führt die zu großen Frustrationen.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht strukturell ändern?
Erwin Knebel: Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass analoge und digitale Angebote dauerhaft parallel existieren können. Das ist wirtschaftlich kaum realistisch. Stattdessen braucht es eine ehrliche Kommunikation: Digitale Kompetenzen sind heute notwendig und wir müssen ältere Menschen dabei unterstützen, sie zu erwerben.
Dafür fehlen in Deutschland jedoch klare Zuständigkeiten und Strukturen. In anderen Ländern gibt es diese bereits. In den Niederlanden etwa sind öffentliche Bibliotheken zentrale Anlaufstellen für digitale Bildung. Wer Hilfe braucht, weiß: Dort wird mir geholfen.
Ein solches System brauchen wir auch hier: verlässlich, flächendeckend und professionell organisiert. Ehrenamt allein kann diese Aufgabe nicht stemmen.
Wie erreichen Sie Senior:innen die Unterstützung brauchen?
Erwin Knebel: Das ist eine unserer größten Herausforderungen. Wir erreichen vor allem diejenigen, die bereits motiviert sind. Diejenigen, die wir eigentlich gewinnen möchten, bleiben oft außen vor.
Wir nutzen klassische Wege wie Zeitungen, organisieren Infostände oder setzen auf persönliche Empfehlungen. Aber viele ältere Menschen sind schwer erreichbar gerade, wenn sie sich bisher bewusst von digitalen Themen ferngehalten haben. Hier fehlen uns noch wirksame Ansätze.
Was motiviert Sie trotz dieser Herausforderungen?
Erwin Knebel: Die direkte Wirkung unserer Arbeit. Unsere Sprechstunden sind gut besucht, unsere Veranstaltungen regelmäßig ausgebucht. Das zeigt, wie groß der Bedarf ist.
Ein Erfolg ist für uns, wenn jemand den Mut fasst, Neues auszuprobieren oder wenn jemand sagt: „Ich wage jetzt den Schritt ins Internet.“ Solche Momente zeigen, dass Veränderung möglich ist.
Gleichzeitig wünsche ich mir auch eine politische Aufmerksamkeit für das Thema. Bislang hat sich kaum ein keiner der Kommunalpolitiker:innen für unsere Arbeit interessiert oder mal nachgefragt, was wir machen. Wir haben den Parteien geschrieben, sie eingeladen, aber wir haben keine Reaktion erfahren. Das ist bedauerlich, aber auch ein Zeichen dafür, dass die Politik ältere Menschen und deren Digitalkompetenz ignoriert. Ich bin der Meinung, dass digitale Teilhabe keine Randfrage ist, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Wenn wir hier nicht handeln, riskieren wir, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung ausgeschlossen wird.
Was wäre Ihr wichtigster Wunsch für die Zukunft?
Wir brauchen verlässliche Strukturen, klare Zuständigkeiten und Orte, an die sich ältere Menschen wenden können. Digitale Bildung darf kein Zufallsprodukt sein. Und wir müssen den Menschen die Möglichkeit geben, das Gelernte auch zu üben. Denn nur durch Anwendung entsteht Sicherheit und damit echte Teilhabe.







